Zwei eigenwillige Gesetzeshüter
- © Simone Gütte

- vor 2 Tagen
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Nein, keiner kommt daran vorbei. Auch wir Helgoländer nicht. Natürlich wurde auf unserer schönen Insull für die Einhaltung der Landesgesetze gesorgt. Zwei eigenwillige Gesetzeshüter will ich euch heute vorstellen.
Während der schleswig-gottorp’schen und dänischen Epoche oblag die oberste Befehlsgewalt einem Landvogt. Stellvertretend für das dänische Königshaus als Landesherr kümmerte er sich vor Ort um die Verwaltung und Rechtsprechung.
Schon vor der Übernahme durch die Dänen gab es eine Gerichtsbarkeit auf Helgoland, die mit sechs auf Lebenszeit gewählten eingesessenen Ratmännern besetzt war. Der Landvogt führte den Vorsitz in der Verwaltung, die praktische Executive oblag acht Quartiersleuten. Verstärkt wurde die sogenannte Landesvorsteherschaft durch sechzehn Helgoländer Bürger, den Landesältesten.
Es wechselten sich so einige Landvögte auf unserer Klippe ab. Manche blieben uns in guter Erinnerung, über manche möchte man lieber das Mäntelchen des Vergessens legen.
1692 betrat der sehr energische Herr von Colditz deät Lun und setzte diverse Maßnahmen um. Erwähnt hatte ich den resoluten Soldaten bereits bei den Treppenkeilereien.
Tiere und Jagd schienen ihm am Herzen zu liegen, denn ein Jahr nach seinem Amtsantritt erließ er zwei Vorschriften:
Nr. 1: Nur der Obrigkeit sei es erlaubt, Schnepfen und andere Vögel zu schießen. - Damit kappte er den Insulanern eine Nahrungsquelle, woraufhin diese vehement protestierten. Herr Landvogt ließ sich erweichen (oder er hielt nicht stand) und nach einigem Hin und Her gab er das Getier wieder zum Abschuss frei.
Nr. 2: Als Nächstes untersagte er den Eingesessenen das Fangen von Kaninchen. Diese waren auf höchstem Befehl aus Engelland auf der Düne ausgesetzt worden, um sich dort anzusiedeln. Unter Zahlung drastischer Geldstrafen war es verboten, die Langohren zu fangen oder zu schießen. => Womit wir nun so ungefähr wissen, wann das Kaninchen nach Helgoland kam.
Kleiner Exkurs: Knapp 200 Jahre später war der Kaninchenbestand dennoch stark gefährdet und die Tiere starben aus. Erst ein weiteres Jahrhundert später, seit den 1960-er Jahren, können Besucher die putzigen Gesellen wieder auf der Düne beobachten, die seitdem zahlreich dort anzutreffen sind.
Man sagt Herrn von Colditz nach, er habe viel für den Umweltschutz getan. Denn auf Helgoland stank es erbärmlich für empfindliche Nasen. Auch für Herrn von Colditz’ Nase!
Der üble Gestank komme aus den Gossen, stellte er fest, verursacht durch die weggeworfenen Fischabfälle. Diese Halden würden damit zur Brutstätte für Krankheiten. So erteilte Herr Landvogt die Anordnung, alle Gossen zu säubern und rein zu halten. Fischköpfe und Abfälle seien im Mist zu verscharren und die Mistkuhlen mit Stroh abzudecken. Selbiges gelte auch für den Strand. Die Abfälle seien bitte im Wasser zu entsorgen, damit die Wellen sie wegtreiben.
Dies war nicht der einzige Gestank über den Klippen!
Im Sommer, bei großer Hitze, entfleuchte Verwesungsgeruch den Totengräbern, wenn die Leichen nicht tief genug vergraben worden waren.
Ich muss nicht beschreiben, wie abscheulich so etwas zum Himmel stinken kann. Von schwirrenden Fliegen und angelocktem Ungeziefer ganz zu schweigen!
Also befahl der Landvogt, die Gräber der Toten, die vor wenigstens einem Monat zur Ruhe gebettet worden waren, mit zwei Fuß hoher, feuchter Erde und Grassoden zu bedecken, um den Gestank zu unterbinden.
Ein großes Thema war der Feuerschutz. Demnach hatte Herr von Colditz entsetzt beobachtet, wie die Einwohner und sogar Kinder brennende Kohlen von Haus zu Haus trugen, um für Wärme zu sorgen. Wie leicht konnten bei starkem Wind Funken auf die mit Stroh und Reet gedeckten Hausdächer überspringen und einen Brand entfachen! Umgehend ordnete er an, das Tragen des Feuers nur mit verdeckten Pötten zu handhaben.
Eigentlich müsste all das selbstverständlich gewesen sein. War es aber nicht.
Machen wir einen Sprung zu einem dänischen Landesvertreter. Ein Herr Michael Albrecht von Oelsen betrat die Insel.
Diesem Landvogt sagte man ein sehr einnehmendes Wesen nach. Es gab jede Menge Scherereien durch seine übergriffige Art, da er offenbar recht unzufrieden mit seinem Salär war. Immer wieder versuchte er, Gelder auf übelste Weise aus der Bevölkerung herauszupressen.
Er ließ die dänische Garnison einziehen, die sogar in Privatquartieren untergebracht werden musste, was verständlicherweise keinem Helgoländer gefiel. Um die Zahl der Soldaten zu reduzieren und wieder nach Hause ins heimische Dänemark zu schicken, forderte er 150 Reichsthaler, die ihm auch bezahlt wurden.
Dann verlangte er eine »Verehrung« für seine Frau. Was immer das bedeutet. Denn diese Forderung konnte er nicht durchsetzen.
Der Zank ums Geld unter Stellung merkwürdigster Anordnungen ging noch einige Jahre weiter, bis Herr von Oelsen 1728 als Landvogt abgesetzt wurde. Leider blieb er Kommandant auf Helgoland. Seither gab es bis zum Ende der dänischen Herrschaft einen militärischen Kommandanten und zusätzlich einen Landvogt auf der Insel.
So richtig wohl fühlten die Inselbewohner sich nicht unter der dänischen Herrschaft. Kein Wunder. Sich mit Besatzern zu arrangieren, ist nicht leicht. Aus dieser Zeit stammt die Helgoländer Redensart:
Deät past as en däensk Uniform. - Das passt wie eine dänische Uniform. Also: Das passt nicht!
Immer wieder beklagten die Helgoländer sich wegen der Obrigkeit, wehrten und stritten sich, ließen Verordnungen und Landvögte über sich ergehen oder protestierten, wenn es hart auf hart kam. Aber für heute soll das genügen, um einen Eindruck von den Gesetzeshütern auf Helgoland im 17./18. Jahrhundert zu gewinnen.
Beim nächsten Mal spreche ich über einen typischen Helgoländer Beruf, der bedauerlicherweise etwas gelitten hat.
Stürmische Grüße – Gesa
Quellen:
© »Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland«, Otto-Erwin Hornsmann, bearbeitet von Erich-Nummel Krüss, Museum Helgoland
© »Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) auf Helgoland« von Gottfried Hauk Heft 1/2 16/1965
Zitate und Eigennamen kursiv
Text ohne KI: © Simone Gütte






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