Helgoländer Seelen
- © Simone Gütte

- 14. Dez. 2025
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© alle Fotos: Simone Gütte, Design mit Canva.com
Nein, nicht jeder darf Helgoländer werden. Das wäre ja noch schöner! Dafür müssen erst ein paar Voraussetzungen geschaffen werden.
Die Helgoländer zählen bis heute zu den Friesen und darauf sind sie stolz. Aber ganz besonders stolz sind sie darauf, Helgoländer Seelen zu sein.
Friesisch ist eine Sprache, wobei alle Inselnordfriesen eigene Dialekte entwickelt haben. Spricht man auf den Inseln Föhr und Amrum das Fering-Öömrang, so antwortet der Helgoländer in Halunder. Beide Dialekte weisen Ähnlichkeiten auf, sogar mehr als das Sölring der Insel Sylt, welche viel näher bei Föhr und Amrum liegt.
Ich berichtete bereits, dass der Wohlstand während der dänischen Epoche zunahm. Das führte dazu, dass sich mehr und mehr Auswärtige auf dem Inselchen ansiedelten. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich nahezu! So waren in den Kirchenbüchern verzeichnet:
anno 1700 = 1.000 Seelen
anno 1739 = 1.900 Seelen
anno 1751 = 2.000 Seelen
Aber nicht nur Seeleute, Lotsen und Fischer bevölkerten die Insel. Der Aufschwung sprach sich herum und lockte Händler und Handwerker vom Festland aus Hamburg, Husum, Tossens, Tating, St. Peter, Büsum, Glückstadt, Holland und aus ganz Ostfriesland an.
Schnell fanden Schuster, Bäcker, Grob- und Kleinschmiede sowie Reepschläger ihr Auskommen. Barbiere, Chirurgen und Hebammen folgten. Und da ab 1715 größere Schaluppen gebraucht und gebaut wurden, ließen sich Schiffbauer auf der Insel nieder.
Aber so einfach wird man nicht Helgoländer.
Vorher galt es, eine Bürgerschaft, das sogenannte Burlott, zu erwerben. Außerdem hatten die Neuankömmlinge ein Zeugnis ihrer guten Herkunft vorzuweisen und 15 Mark zu hinterlegen. Erst dann stand es den Heiratslustigen frei, eine Witwe oder ein Mädchen mit deren Zustimmung zu heiraten und auf der Insel sesshaft zu werden. Die Witwen behielten nach dem Tod ihrer Ehemänner ihr Burlott. Ein Zugewanderter durfte nur eine auf Helgoland geborene Frau ehelichen, sonst konnte er kein Helgoländer Bürger werden!
Auch viele dänische Soldaten gründeten Familien mit zehn oder mehr Kindern. Dennoch ließ sich zur damaligen Zeit die hohe Kindersterblichkeit nicht verhindern. Totgeburten oder der Tod der Mutter im Kindbett waren alltäglich.
Seit 1706 steht auf dem Oberland ein Schulhaus. Hier unterrichtete ein Schulmeister die wissbegierige Kinderschar. Noch gab es keine Schulpflicht, daher schickten viele Eltern ihre Kinder nicht zur Schule. Denn sobald die Jungspunde gehen konnten, mussten sie im Haus mit anpacken. Sie hielten die Häuser sauber, kochten, reinigten, besserten Netze und Angelruten aus oder unterstützten den Vater beim Fischfang. Blieben die Väter auf See, waren es die Söhne, die in deren Fußstapfen traten und die Mutter und jüngeren Geschwister versorgten. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie selbst gerade erst zwischen 12 und 14 Jahre alt waren.
Etwas Statistik gefällig?
1733 wurde ein Schulzwang eingeführt, und zwar für alle Kinder von 6 und 14 Jahren.
Das Schulgeld diente der Bezahlung des Schulmeisters und natürlich der Instandhaltung des Schulhauses. Ein Reichsthaler jährlich war zu berappen, Schreibunterricht kostete einen weiteren Taler, Unterricht im Rechnen noch mal einen obenauf. Damit sich ärmere Familien Schulbildung für ihren Nachwuchs leisten konnten, wurde monatlich sogar Geld eingesammelt.
Als Hauptfach stand Lesen auf dem Stundenplan. Das war keine Helgoländer Besonderheit, sondern generell in dieser Zeit so üblich.
Eine Statistik aus dem Jahre 1734 führt auf, dass von 124 Kindern 36 zusätzlich am Schreibunterricht teilnahmen, aber nur 3 Kinder auch im Rechnen geschult wurden.
Im Jahre 1751 zählte die Chronik bereits 300 Kinder im Schulalter, deren Stundenplan aus Buchstabieren, Lesen, Rechnen, Schreiben sowie der Lehre des Christentums bestand.
Immer wieder passierten Unglücke auf See. Fischer ertranken, wenn Stürme oder Schneegestöber sie überraschten. Nicht selten führten Stürze über Bord oder vom Mast zum Tode.
Begegneten sich Helgoländer Fischer auf See, so drehten sie ihren Hut um den Kopf herum, um dem anderen zu signalisieren, dass zu Hause alles in Ordnung war.
Blieben die Männer jedoch auf See, wurde vier Wochen lang für sie gebetet, dass man sie finden möge. Fand man sie bis zum Ende dieses Zeitraums nicht, sprach der Pastor die Leichenpredigt für die verunglückte Person.
Helgoland ist seit dem Jahr 800 christlich. Der damalige Missionar behauptete sogar, der Teufel sei von der Insel geflohen. Lassen wir das mal so stehen. Nach der Reformation wendeten sich die Einwohner dem evangelisch-lutherischen Glauben zu.
Möglicherweise ist mein Volk beim Bergen von Strandgut etwas in Verruf geraten. Aber ich möchte klarstellen, dass wir stets für die Segnung des Strandes beten und nicht etwa, dass Schiffe darauf stranden sollen! Wir erbitten Gottes Segen für den Erhalt der Fisch- und Hummerbestände und dass er für uns sorgen möge.
Das gebeutelte Eiland schrumpft durch Stürme und Gezeiten. Wind und Wellen peitschen gegen die Klippen und tragen den Strand ab. Doch noch nie hat eine Helgoländer Seele freiwillig die Insel verlassen.
Stürmische Grüße – Gesa
Quellen:
© »Föhrer Grönlandfahrt im 18. und 19. Jahrhundert«, Jan I. Faltings, Verlag Jens Quedens, Insel Amrum
© »Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland«, Otto-Erwin Hornsmann, bearbeitet von Erich-Nummel Krüss, Museum Helgoland
© »Helgoland in einer 250 Jahre alten Beschreibung« - Johann Friedrich Camerer (M.-G.Schmitz-Verlag/Nordstrand), Museum Helgoland
Zitate und Eigennamen kursiv
Text ohne KI: © Simone Gütte






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