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Lotsen auf Helgoland - sturmfest, hartnäckig, streitlustig


Lotse blickt mit Fernrohr auf Landkarte, Möwen, Blatt, Schrift
Lotsen - sturmfest, hartnäckig, streitlustig

»Betrüger!«

»Wippsteert*!«

»Mettwurst**!«

»Du und dein Ferkeltreiber***! Du findest niemals allein aus den Gewässern!«

»Nu mach mal halblang, du Landratte****!«

»Hey, keine Schimpfworte! Wir nehmen nur an, was Gott und das Glück uns gesandt haben

»Nichts da! Du hast so lange gewartet, bis das Schiff auf Grund gelaufen ist!«

»Genug Rees an Backbord*****!«

 

Seufz. Er ist etwas in Verruf geraten, der gute und wichtige Beruf des Lotsen, besonders der auf Helgoland.

 

Für die Einwohner der abgelegenen Insel mitten in der Nordsee hieß es stets, ums Überleben zu kämpfen und findig neue Einkommensquellen zu erschließen. Als die Heringsschwärme ausblieben, besannen sich die Helgoländer auf ihre Fähigkeiten, die sie in ihrer Zeit als Seefahrer erworben hatten.

 

In Seenot geratene Schiffe liefen Helgoland wegen ihrer »rettenden« Lage an. Allerdings stellte es eine Herausforderung dar, den »sicheren« Hafen zu erreichen, vor allen Dingen mit stürmischem Wind in den Segeln und mörderischen Wellen unterm Rumpf. Die unzähligen, unter Wasser liegenden Klippen rund um Helgoland bargen ein hohes Risiko, aufzulaufen.

 

Aber der Helgoländer kannte sich aus. Da es in jener Zeit keine verlässlichen Seekarten gab, machten sich die Insulaner rasch als Lotsen einen Namen und leiteten die in Bedrängnis geratenen Schiffe entweder in den Hafen oder zurück ins Fahrwasser.

 

Wer den Lotsenberuf ergreifen wollte, musste ab 1665 das Lotsenexamen ablegen. Lotse werden durfte, wer das 23. Lebensjahr vollendet hatte und ein Zeugnis seiner seemännischen Fähigkeiten beibringen konnte. Es war unerlässlich für die Anwärter, die vorherrschenden Winde und Strömungen in Elbe und Weser zu kennen und zu wissen, wie sich Voll- und Neumond auf Ebbe und Flut auswirkten. Kenne jede Untiefe, jede Sandbank, die Lage der Seetonnen und die unterschiedliche Beschaffenheit der Böden wie deine Westentasche, lautete das Motto.

 

1682 erschien die erste Lotsenordnung. Die Anforderungen an das Lotsenexamen stiegen. Ab 1685 mussten die Prüflinge das Lotsenexamen fehlerfrei bestehen, ansonsten blieb ihnen der Beruf verwehrt. Wurde auch nur eine Frage falsch beantwortet, hieß das für den Prüfling: durchgefallen!

 

Das Examen wurde von vier erfahrenen Schiffern und Lotsen abgenommen. Die erste Frage oblag dem Landvogt. Nach bestandener Prüfung erhielt der frisch gebackene Lotse einen sogenannten »Lotsenpfennig«. Dieses Lotsenzeichen zeigte auf der Vorderseite einen Seemann mit Handlot plus seine Lotsennummer. Die Rückseite zierte das Monogramm des Landesherrn. Fünf unterschiedliche Lotsenzeichen existierten, sodass die Lotsen gut zuzuordnen waren.

 

Nun konnten die Helgoländer ihre Erfahrung gegen gutes Geld anbieten. Die Schiffe sichteten sie vom Strand, von den Klippen oder vom Falm aus. Rief das Schiff nach einem Lotsen oder signalisierte, dass es in Seenot geraten war, eilten die Ausschau Haltenden zur Börtjolle.

 

Die Besatzung eines Lotsenbootes bestand aus acht Lotsen und einem Lotsenoffizier. Standen mehr Lotsen bereit, musste ausgelost werden, wer mitfuhr. Die Lotsen warfen ihre Lotsenpfennige in eine Kappe oder auf ein Segeltuch und wessen Zeichen gezogen wurde, positionierte sich neben der Börtjolle. Ein Offizier sprang als neuntes Mitglied bei, der zehnte Mann war der Besitzer des auf Reede liegenden Schiffes.

 

Die zehn ausgewählten Männer bezeichnete man als Börte - das Auswahlverfahren Börte machen.

 

Wieso ist der Lotse so in Verruf geraten?

 

Kapitän und Lotsenoffizier mussten sich über die Höhe des Lohns einigen. Das ging nicht immer friedlich zu.


Der Kapitän warf dem Lotsenoffizier vor, die Notlage des Schiffes auszunutzen, statt zu helfen. Dieser wiederum entgegnete, er stelle seine Kenntnisse und Fähigkeiten zur Verfügung und wolle einen angemessenen Preis. Der Kapitän war der Meinung, der Lotse treibe den Preis in die Höhe.

 

Der obige Streit könnte entbrannt sein.

 

Es wird gemunkelt, dass Lotsen einfach umkehrten, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt wurden. Strandete das Schiff irgendwann, kämen sie beim Bergen auf ihre Kosten.

 

Tatsächlich sprachen die Schiffseigner über die Helgoländer so: »Sie nennen sich zwar Heilig Land, sind aber eigentlich Teufels Land. Sie sind Piloten (Lotsen), die die Schiffe über Elbe und Weser leiten. Wenn man ihnen jedoch nicht das gibt, was sie begehren, brechen sie ein ordentliches Donnerwetter vom Zaun oder fügen dem Schiff Schaden zu.«

 

Der Helgoländer ließ sich also nicht lumpen.

 

Um diesen schädigenden Ruf aus der Welt zu schaffen, kursierten Vorschläge, feste Lotsentarife einzuführen. Das helfe den Kapitänen, ihr Schiff, die Besatzung und die Fracht rechtzeitig vor der drohenden Gefahr zu retten. Der angekratzte Ruf der Lotsen wäre wieder hergestellt. Alles wieder gut. Aber davon wollten die Helgoländer nichts wissen.

 

Beschwerden häuften sich, dass die Helgoländer Lotsen die Strandung eines Schiffes abwarteten. Erst dann würden sie Hilfe leisten und sich um die gestrandete Mannschaft sowie um die Schiffsgüter kümmern. Hier verweise ich auf meine Schilderungen zum Freuden- und Trauerland!

 

Der schlechte Ruf entstand auch, weil die Insulaner das Bergungswesen am längsten von allen friesischen Inseln ausnutzten. Ein gestrandetes Schiff, beladen mit lebenswichtigen Gütern, konnte die Helgoländer in Notzeiten vor dem Hunger retten.

 

1787 erhielten die Helgoländer das alleinige Vorrecht, in der Deutschen Bucht den Lotsenberuf auszuüben. Von 400 Helgoländern waren allein 380 im Lotsendienst tätig.

 

Das mehr als einhundert Jahre florierende Lotsengewerbe endete schlagartig mit dem Einfall der Engländer im Jahr 1807. Den Bedarf an Lotsen auf Elbe, Weser und Eider deckte man nun vom Festland aus. Die Schifffahrtswege wurden mit Seetonnen ausgestattet.

 

Mehr will ich meiner Zeit nicht vorgreifen. Zurück in die dänische Epoche. Da gab es etwas, was ich nicht besonders geliebt habe. Mehr darüber in den nächsten beiden Kapiteln.

 

Stürmische Grüße – Gesa

 

*Ständig unruhiger Seemann

**Ende eines Taues

***Langsamtes Schiff einer Gruppe

****Mensch, der nichts mit der Seefahrt zu tun hat

*****Genug Seemannsgarn ausgetauscht!

 

Quellen:

© »Helgoland Das Reise- und Lesebuch für die Insel«, Wendula Dahle (Hg.) Edition Temmen

© »Helgoland in einer 250 Jahre alten Beschreibung« - Johann Friedrich Camerer (M.-G.Schmitz-Verlag/Nordstrand), Museum Helgoland

© »Helgoland Eine deutsche Kulturgeschichte«, Eckhard Wallmann, Verlag Koehler

© Gelbe Pyramiden auf Helgoland

Zitate und Eigennamen kursiv



Text ohne KI: © Simone Gütte

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