Von Jägern und Gejagten
- © Simone Gütte

- vor 4 Stunden
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Das Wasser lag spiegelglatt. Der Himmel spannte sich azurblau über das von Eisbergen übersäte Land. Vor einer Woche hatte Kommandeur Adrian Dircks dieses Gebiet als aussichtsreiches Fischrevier ausgerufen.
Doch nun regte sich unter der Wasseroberfläche keine Flosse. Dennoch harrte die Besatzung aus. Die Säume der Eisfelder versprachen eine erfolgreiche Jagd, da die Wale unter dem Eis nicht flüchten konnten.
Die Schnau arbeitete sich langsam zwischen den Eisfeldern voran, die Jäger suchten nach einer breiteren Lücke. Leise musste es zugehen. Bei klarem Wetter lag der Wal »horchend« im Wasser. Nur ein unruhiger Ruderschlag, und das Tier tauchte in die Tiefe ab.
Die Anspannung löste sich, als am nächsten Morgen Nebel aufzog und sich eine dicke, trübe Suppe über das Meer legte. Nun musste sich die Mannschaft auf ihr Gehör verlassen, aber zugleich schränkte das Wetter auch die Wahrnehmung des Fisches ein.
Lag der Wal dicht bei einem Eisfeld, »hörte« er die See gegen das Eis branden. Die Ruderschläge der Jäger in ihren Schaluppen gingen in dieser Geräuschkulisse unter. Die Chancen für die Walfänger erhöhten sich.
Der Kommandeur kniff die Augen zusammen. Eine grünlich trübe Masse schwappte zwischen den gleißend weißen Eisfeldern. Krill! Zuverlässig zeigte er an, wo sich die Meeresriesen aufhielten.
Dircks befahl, Brandwachen einzuteilen. Je sechs Männer besetzten zwei Schaluppen. Sollte der Wal auftauchen, waren sie bereit. Aber Brandwachen konnten sich hinziehen.
Nach mehr als vier Stunden schoss die Atemfontäne des Wals steil in die Höhe. Er musste Luft holen. Die Brandwache hatte sich genau hinter dem Tier platziert. Eine gute Position. Die Augen des Wals saßen seitlich, so konnte er den Kopf nicht drehen, um seine Verfolger zu entdecken.
Vom Harpunier hing der Jagderfolg ab. Im Vordersteven stehend schleuderte er die Harpune ab. Traf er nicht, war das Beste, was passieren konnte, dass das Tier flüchtete. Das Schlechteste war, dass das Tier den Kahn zerschlug oder zum Kentern brachte und die Mannschaft in den Tod riss.
Aber der Harpunier war ein erfahrener Jäger. Er hatte erfolgreich am Fisch festgemacht. Nun stand der Schaluppenbesatzung eine stundenlange Schleppjagd bevor.
Das verletzte Tier tauchte ab und zog die Walleine, die an der Harpune befestigt war, hinter sich her. Holte es an der Oberfläche Luft, setzte der Harpunier nach. Mit der Lanze versuchte er, den tödlichen Stoß in Herz oder Lunge zu setzen.
Die Jäger behielten das Umfeld genau im Blick. Der eisige Nordwind biss in ihre Wangen. Wo tauchte der Wal als Nächstes auf? Die Leine lief bei den schnellen Tauchmanövern heiß und musste unablässig gekühlt werden. Flüchtete das Tier gar mit der Schaluppe im Schlepp unter ein Eisfeld, konnte die Leine nur noch gekappt werden. Das gelang nicht immer.
Eine Erschütterung traf die winzige Schaluppe. Die Männer rollten in dem kleinen Bötchen durcheinander. Hinter ihnen schoss die mächtige Walfluke in die Höhe. Dann fanden sie sich mit der Schaluppe quer auf dem Rücken des Wals wieder. Das Tier drehte sich und das Boot geriet ins Rutschen.
Schreie hallten durch die Nebelwand. Holzteile, Riemen, Fangausrüstung und Körper wirbelten durch die Luft und versanken im Meer. Der Harpunier tauchte nicht mehr auf, der Rest der Mannschaft fand Halt am Schiff.
Aber um die Jagd zu vollenden, musste die Besatzung dranbleiben. Der Kommandeur befahl neue Schaluppen zu Wasser.
Jetzt folgt eine Triggerwarnung, denn es wird blutig. Geneigte Leserin, geneigter Leser, lies nicht weiter, wenn du es nicht wissen willst.
Stunden später gelang es, das Tier einzukesseln. Es war erschöpft und atemlos. Der Harpunier setzte den finalen Stich hinter den Nasenlöchern, den weichsten Teilen des Fisches. Zwei armdicke Fontänen heißen Blutes schossen empor, die Jäger stürzten in Deckung, um nicht verbrannt zu werden. Das Röcheln hallte in ihren Ohren wider. Während das Tier starb, rollte es sich auf den Rücken. Der Bauch wies bleich zum Himmel.
Es war vorbei. Der Fang wurde am Schiff vertäut. Das Flensen, die Arbeit der Speckschneider und Speckschneidersmaate, begann.
Jäger wurden zu Gejagten und umgekehrt. Fest steht, dass der gewaltige Wal eindeutig der unterlegene Gegner war. In den knapp 300 Jahren stand der Grönlandwal vor dem Rand der Ausrottung. Die einst unermesslichen Bestände haben sich seit der intensiven Bejagung bis heute nicht erholt.
Abschließend sei erwähnt, dass nur wenige Seeleute durch den Walfang wirklich reich geworden sind. Dabei sprechen wir von den Kommandeuren und den höherrangigen Offizieren auf den Walfangschiffen. Für die Mehrzahl der Seefahrenden war der Walfang ein hartes, gefährliches und kräftezehrendes Unternehmen. Es brachte allenfalls ein karges Auskommen für die Familien.
Ende des 19. Jahrhunderts klang das Zeitalter des europäischen Walfangs aus.
Diese Ära der Geschichte ist erschütternd, war getrieben von Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit in den nördlichen Regionen. Leider hält sie bis heute in vielen Ländern der Welt an.
Von Jägern und Gejagten - Das heutige Kapitel soll nicht der Abschluss der Helgolandsaga sein. 2026 jährt sich ein 200-jähriges Jubiläum auf der Insel. Und das darf man mit positiven Gefühlen in Verbindung bringen.
Stürmische Grüße – Gesa
Quellen:
© »Segler im nördlichen Eis«, Deutsches Schifffahrtsarchiv 24.2001, Zeitschrift des Deutschen Schifffahrtsmuseums
© »Föhrer Grönlandfahrt im 18. und 19. Jahrhundert«, Jan I. Faltings. Logbuch Kommandeur Adrian Dircks Chronologie der Winterreise 1781-1782 => stark abgewandelt, um die Vorgehensweise und Gefahren beim Walfang zu beschreiben
Zitate und Eigennamen kursiv
Text ohne KI: © Simone Gütte






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