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Die Reise ins Eis


Kompass, Schiff, Eisberg, Notiz mit Schrift
Schiff passiert einen Eisberg

Das Röcheln in der Koje nahm ab. Kommandeur Adrian Dircks fragte sich, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Bereits seit dem 5. Oktober grassierte das hitzige Fieber an Bord der Zwei-Mast-Schnau Godthaab, nur einen knappen Monat, nachdem sie die Kopenhagener Reede verlassen hatten. Der erste Kranke, ein Schiemann, war »in Raserei verfallen« und der Chirurg hatte sein Möglichstes getan, ihn zur Ader zu lassen. Bei dem einen Kranken war es nicht geblieben. Am 7. November waren es bereits dreizehn Seeleute. Die Reise ins Eis verlangte Opfer.

 

Kommandeur Dircks musste seine Pläne ändern, zumal wenige Tage später der erste Eisberg am Kap Farvel nahe der Südspitze Grönlands gesichtet wurde. Wie sollte er das Schiff von den Eismassen befreien, wenn sich die Männer kaum auf den Beinen halten konnten?

 

Was trieb die Seeleute in die arktischen Gegenden?

 

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wussten englische und niederländische Seefahrer von einem neuen Erwerbszweig zu berichten.

 

Der Job war gefährlich, dazu grausig kalt und kräftezehrend. Noch ahnte keiner, wie schmutzig er werden sollte. Dafür war das Handwerk einträglich, wenn man Manns genug war, die beschwerliche Reise in den hohen Norden durchzustehen:

 

Unzählige Wale waren in den Gewässern rund um Grönland gesichtet worden. Aus einem einzigen Tier ließen sich wertvolle Produkte wie Speck, Tran und Walbarten gewinnen.

 

In dieser Zeit segelten Dänen, Norweger, Holländer, Hamburger, Bremer, Friesen aus Föhr, Amrum, Sylt und Helgoland hinaus auf Walfang. Rasch fand man eine gemeinsame Sprache: Das Niederländische setzte sich als Sprache der Seefahrt durch.

 

Die Seeleute sammelten sich an den Ausgangshäfen in Amsterdam, Hamburg und Kopenhagen. Standen die Witterungsverhältnisse günstig, brachen sie im März, Anfang April auf. Je nach Wetterlage dauerte die Reise sechs bis acht Monate, wobei sie die Rückreise spätestens im Herbst antreten mussten, um nicht festzufrieren.


Ungebetene Reisebegleiter

 

Die Temperaturen fielen, je näher die Schiffe den Fanggebieten kamen. -11 °C bis -21 °C zerrten an den körperlichen und psychischen Kräften der Besatzung. Hitzige Fieber, wie eingangs beschrieben, breiteten sich aus. Nicht selten erkrankten die Seeleute an grippalen Infekten, zogen sich Lungenentzündungen, Bronchitis oder Tuberkulose zu oder starben daran.

 

Der Skorbut wurde zum ständigen Hasardeur, da der Proviant aus haltbaren Produkten wie Pökelfleisch und Trockenfisch bestand und kaum aus frischen Lebensmitteln.

 

War ein Seemann mit Anzeichen von Mattigkeit, Atemnot und Augenschwäche geschlagen, folgten bald die typischen Symptome. Dunkelrote und bläulich-rote Flecken zeigten sich auf Armen und Beinen. Er blutete, sein Zahnfleisch wurde brandig, die Zähne fielen aus. Der Erkrankte litt unter schrecklichen Schmerzen, bis ihn der Skorbut innerhalb von 8 bis 14 Tagen dahinraffte.

 

Hinzu kamen Unfälle an Bord und im Eismeer.

 

Während der Jagd konnte ein harpunierter Wal die Nussschale von einem Holzboot mit einem einzigen Schlag seiner Fluke in Bruchstücke zerschmettern. Rissen die durch das Salzwasser steif gefrorenen Fangleinen, zog das Tier die Schaluppe samt Besatzung in den Tod. Nicht immer schafften es die Seeleute, die Fangleine durch einen gezielten Schnitt mit dem Kappmesser zu durchtrennen.

 

Auch stellte die Navigation eine Herausforderung dar. Während sich die geografische Breite nach dem Stand der Sonne bestimmten ließ, verlangte es nach seemännischen Kenntnissen bei der Berechnung der geografischen Länge. Da es noch keine brauchbaren und erschwinglichen Zeitmesser gab, wurden die Längen gegisst. Das hieß: Sie wurden händisch berechnet und weitgehend geschätzt. Man kann sich gut vorstellen, wie schnell man dabei vom Kurs abkommen konnte.

 

Dennoch, der Walfang strebte seine Blütezeit an. Bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts war der Walbestand um Spitzbergen nahezu überfischt. Es wurde notwendig, neue Walfanggründe zu erschließen.

 

Schnell entwickelte sich 1719 ein reger Schiffsverkehr in der Davisstraße. Holländer und Engländer konkurrierten um die Ozeanriesen. Um den holländischen Walfängern zuvorzukommen, überwinterten die Mannschaften in den grönländischen Kolonien. Viele erkrankten oder erfroren.

 

Unberechenbares Eis

 

Auch in Grönland ist der Sommer etwas wärmer als der Winter, sodass sich Eisteile vom Haupteisstrom ablösten. Zwischen den Eisfeldern öffneten sich Fahrrinnen. Das Schiff, das dort hineingeriet, schlingerte in der Dünung. Wellenschläge gegen Bug und Rumpf ließen es erbeben, griffen Außenhaut und Spanten an. Geriet es in die Nähe eines Eisbergs, der unter Wasser in anderer Schnelligkeit driftet als die sichtbare Spitze, war der kleine Kahn bald vom Eis eingeschlossen.

 

Der Druck des Eises lastete enorm auf den Holzschiffen. Verstrebungen und Eisverstärkungen hatten dem nichts entgegenzusetzen. Das Grönlandeis presste das Bötchen wie in einem Schraubstock zusammen. Schiffsverluste durch Eispressung waren an der Tagesordnung.

 

Während sich ein Schiff durchs Eis in die nördlichen Gefilde arbeitete, nutzte die Besatzung die Zeit für Ausbesserungsarbeiten an Bord, plante die Fangstrategie, pflegte und wartete die Fangausrüstung.

 

Der Kommandeur behielt die Säume der Eisschollen im Blick. Die Mannschaft machte sich bereit. Die Jagd setzte ein. Sie sollte nicht folgenlos bleiben.

 

Stürmische Grüße – Gesa

 

Quellen:

© »Segler im nördlichen Eis«, Deutsches Schifffahrtsarchiv 24.2001, Zeitschrift des Deutschen Schifffahrtsmuseums

© »Föhrer Grönlandfahrt im 18. und 19. Jahrhundert«, Jan I. Faltings: Logbuch Kommandeur Adrian Dircks Chronologie der Winterreise 1781-1782

Zitate und Eigennamen kursiv



Text ohne KI: © Simone Gütte

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