Gesund wie ein Fisch im Wasser
- © Simone Gütte

- vor 4 Tagen
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Ein Schrei zerschnitt die morgendliche Stille. Ich zuckte zusammen, raffte meine Röcke und rannte über den Strand der Düne. Hier vermutete ich eine Hilfesuchende, denn der Schrei hatte hoch und schrill geklungen. Aber was ich sah, entlockte mir ein Kichern, dann musste ich unwillkürlich lachen. Ja, so langsam machte unsere Insel von sich reden.
Das Mädchen, kaum sechzehn Jahre jung, hatte die Hände in die Höhe gereckt, sein Bademützchen war seitlich am Kopf verrutscht und bedeckte das rechte Auge. Um seinen Brustkorb blähte sich durch das Wasser ein dunkelblaues Badeoberteil mit weißer Spitzenbordüre. Bis zu den Hüften stand die Kleine in der frischen Nordsee. Offensichtlich war sie zu hastig von der Treppe ins Wasser geglitten und bibberte nun vor Kälte.
Als Helgoländerin würde ich nie auf solch irrsinniges Zeug kommen, wie in der kabbelnden Nordsee zu baden. Planschen und Schwimmen war den Kindern vorbehalten.
Entspannt beobachtete ich das junge Mädchen, das jetzt großen Spaß daran hatte, mit den Armen die Wellen zu zerteilen, sich von der spritzenden Gischt überschwappen zu lassen, unterzutauchen und prustend wieder aufzutauchen. Um sie herum hüpften weitere junge und ältere Frauen, lachten, ratschten und bespritzten sich mit Wasser. Gesund wie ein Fisch im Wasser, so fühlten sie sich.
Es hatte sich so eingespielt, dass die Badezeit auf der Düne zwischen 7 Uhr morgens und 13 Uhr mittags festgelegt war. Zu diesem Zweck setzte ein Segelboot mit den Badegästen über. Wenn der Wind günstig stand, dauerte die Überfahrt nur zehn Minuten, bei störrischen Böen auch eine ganze Stunde.
Bereits an Bord hatten die Grüppchen viel Spaß. Sie lachten und plauderten, um sich für den Abend zu verabreden. Auf der Düne trennten sich dann Männlein und Weiblein. Die Damen machten sich auf den Weg ins Damenbad, die Herren ins Herrenbad.
Am Strand standen vier Badekarren für die Gäste bereit. Es handelte sich um zweirädrige Holzkarren mit Aufbauten, die unsere kräftigen Seemänner ins Meer schoben. Auf dem Karren kleideten sich die Damen um, auf der anderen Seite des Holzbaus führte eine Treppe in die Fluten. Die Herren schienen etwas weniger zimperlich zu sein. Gern sprangen sie nackt, wie Gott sie schuf, ins eisige Nass.
Nicht nur die Gesundheit stand im Vordergrund, sondern auch das Vergnügen. Hatten die Gäste ihr Badeerlebnis prustend und schnaufend beendet, stürzten sie sich am Nachtmittag ins Kurleben. Im Pavillon stand Kaffee und Kuchen bereit oder sie nahmen die Mahlzeiten im Conversationshaus ein.
Später am Abend spielte eine Kapelle zum Tanz auf. Jetzt konnten sie ihre vor dem Baden gemachten Bekanntschaften vertiefen.
Es gab jede Menge Möglichkeiten auf der Insel, sich die Zeit genüsslich zu vertreiben. Bereits 1830 fanden die Gäste eine Spielbank auf Helgoland vor, die allerdings nur wenige Jahrzehnte durchhielt. Später eröffnete ein Theater und bot jede Menge Kulturgenuss. Nicht nur die Damen liebten es, auf der Promenade zu flanieren und die Auslagen mit der neuesten Mode zu bewundern. Auch die Herren nutzten die Gelegenheit für amouröse Stelldicheins.
Lachen, lästern, baden anno 1826
Ich verabschiede mich von der Düne, denn in Kürze geht ein Raddampfer auf Reede vor Anker und bringt die nächsten Badegäste mit. Es ist jedes Mal ein Schauspiel, wenn die armen von der Seekrankheit Geplagten eintreffen. Noch grün oder bleich im Gesicht, die schicken Garderoben verrutscht und zerknittert, werden sie von den Bootsleuten unter den Achseln gepackt und auf den Sitzen der Börteboote zurecht geschoben. Die schmerzverzerrten Gesichter und das unablässige Stöhnen lassen eher vermuten, dass sie gleich noch mal die Fische füttern!
Saß die Gesellschaft endlich, steuerte das Börteboot mit Menschen und Gepäck die Landungsbrücken an. Dort hatte sich eine Gruppe von Badegästen gesammelt, die die Neuankömmlinge nicht etwa herzlich begrüßten. Nein, sie machten sich lustig, grölten, lachten, zeigten mit den Fingern. Dabei waren sie selbst erst vor wenigen Tagen auf eben demselben Weg auf unserer Insel gelandet! Schadenfreude ist eben auch ein Vergnügen. Die Lästerallee begrüßte ihre Gäste.
Aus solchen Spielchen halte ich mich raus. Ich beobachte, wie die Menschen an Land angekommen, ihre Kleidung zurecht ziehen und sich auf den Weg in ihre Quartiere machen.
Die Unterkünfte liegen im Unter- und Oberland, zu denen die Herrschaften nur über die Treppe gelangen können. Erst sehr viel später, 1883, wird es einen dampfbetriebenen Fahrstuhl geben, der sich gerade für die älteren Badegäste als Segen erweisen sollte.
Ich beende jetzt die Ausführungen über mein Helgoland. Wie sich Helgoland in den späteren Jahrhunderten als Seebad entwickelte, weißt du als Zeitzeuge am besten.
Soviel aus meinem Leben um 1720. Ich hoffe, ich konnte dir einen Einblick geben und du hast den Inselspaziergang iip Lun genossen.
Gleich im Anschluss habe ich eine Leseprobe aus meiner Geschichte »Rebellin im Sturm« vorbereitet. Nach Lektorat, Korrektorat und Buchsatz ist geplant, dass der Roman im Juni 2026 das Licht der Buchwelt erblickt.
Viel Freude beim Lesen und – wie immer – stürmische Grüße – Gesa
Quellen:
© »Helgoland Eine deutsche Kulturgeschichte«, Eckhard Wallmann, Verlag Koehler
© »Helgoland Das Reise- und Lesebuch für die Insel«, Wendula Dahle (Hg.) Edition Temmen
Zitate und Eigennamen kursiv
Text ohne KI © Simone Gütte






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