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Als der Tornado über die Düne fegte und eine Sturmflut die Insel spaltete


Stürmisches Meer, große Wellen. Tornado. Text: Als der Tornado über die Düne fegte und eine Sturmflut die Insel spaltete. Zwei Ereignisse, drei Jahrhunderte dazwischen, eine Idee.
Tornado und Sturmflut

Welle: © Zacarias da Mata - fotolia.com


Vom Wirbelsturm zum fertigen Roman


Helgoland, Juli 2010. Eine Wolkenwand rollt trügerisch langsam auf die Düne zu. Wie eine schwarzgraue Welle bauscht sie sich auf, im Schlepptau einen Schweif gelbbrauner Gischt. Andy und ich starren nur kurz gen Himmel, dann retten wir uns mit einer Traube Menschen in das brechend volle Dünenrestaurant. Stimmen gellen durch den Raum. Menschen suchen ihre Angehörigen. Schnell breitet sich stickige Luft aus. Draußen durchzucken grelle Blitze den rabenschwarzen Himmel. Obwohl es Nachmittag ist, ist die Hauptinsel nicht zu sehen. Der Leuchtturm zerschneidet mit seinem neongrünen Strahl die Dunkelheit.


Ein Tornado jagt jaulend durch die Dünen, greift sich Strandkörbe, wirbelt sie durch die Luft, als wären sie Streichholzschachteln und zertrümmert sie auf dem Strand zu Feuerholz.

Nach einer guten halben Stunde ist mit einem Schlag alles vorbei. Regen prasselt nieder. Ich beruhige mein rasend klopfendes Herz mit einigen tiefen Atemzügen. Wir checken die Lage. Es gibt Verletzte auf der Hauptinsel, erzählt uns der Wirt des Dünenrestaurants. Einige haben sich Knochenbrüche zugezogen und müssen zum Festland geflogen werden. Den Campingplatz auf der Düne habe es komplett zerlegt.


Milde, salzig prickelnde Seeluft weht durch die offene Tür. Nur die Pfützen, die aussehen wie kleine Teiche, Reste der Strandkörbe und umhertreibender Müll zeugen vom Wüten des Tornados.


Am Abend sitzen wir in einem Restaurant. An jedem Tisch wird über den Wirbelsturm gesprochen. Mein Blick gleitet zu einem Gemälde. Helgoland anno? Es zeigt die roten Klippen, das Unter- und Oberland, die mit städtisch anmutenden Häusern bebaut sind. Eine Treppe führt ins Oberland. Hier erhebt sich eine Kirche. Nicht die mit dem bis zum Boden reichenden Zeltdach, wie wir sie heute kennen. Diese trotzt den Winden, wirkt nahezu wuchtig. Nordwestlich von Helgoland: keine siebenundvierzig Meter aufragende Lange Anna.


Später erfahre ich: Vor Jahrhunderten war Helgoland viermal so groß wie heute. Erst in der Silvesternacht 1720/21 teilte eine verheerende Sturmflut die Insel. Wie mochten sich die Insulaner gefühlt haben?


Als der Tornado über die Düne fegte

und eine Sturmflut die Insel spaltete


Zwei Ereignisse

Drei Jahrhunderte dazwischen

Eine Idee


Die nächste Geschichte muss eine Geschichte über »unsere« Insel Helgoland werden, beschließe ich. Wie bringt man Tornado und Sturmflut zusammen?


Vielleicht schreibe ich eine Zeitreise? Eine Person, die 2010 den Tornado miterlebt, findet sich 1720 zur Zeit der Inselspaltung wieder. Kompliziert.

»Was wird deine Hauptgeschichte?«, fragt mich meine Schreibcoachin.

»Hab ich noch nicht herausgefunden«, sage ich.

Nach einigem Hin und Her, vielen Konstruktionen und keiner überzeugenden Antwort auf die Frage, verwerfe ich die ersten Plots.


Ich entschied mich, »nur« etwas Historisches zu schreiben. Schon immer hat mich das wechselvolle Schicksal der Insel fasziniert. Nicht nur Naturkatastrophen suchten die Insel heim. Durch ihre strategisch günstige Lage in der Deutschen Bucht zwischen Deutschland, England und Dänemark hatte das Eiland auch viele wechselnde Herrschaftsansprüche zu erdulden.


Eintauchen in die Vergangenheit


Ich erkundete die Gegebenheiten auf Helgoland. Zu Fuß über Ober- und Unterland, Treppen rauf, Treppen runter, mehrmals quer durchs Mittelland. Wie fühlt sich Buntsandstein zwischen den Fingern an? Seit wann gibt es das grüne, hügelige Mittelland? Kommt der rote Feuerstein tatsächlich nur auf Helgoland vor?

Inselrundfahrt gebucht. Wie sehen die Klippen von der Seeseite aus? Welche stehen noch und welche kann man von Land aus nicht sehen? Seit wann gibt es eigentlich die Brandungspfeiler Lange und Kurze Anna? Was treiben die Seevögel in den Felsnischen?

Spurensuche im Helgoländer Museum. Wie lebten die Menschen, wie trotzten sie den Gezeiten? Von was ernährten sie sich? Welche Sitten und Gebräuche gab und gibt es auf der Insel? Exponate, wie Schiffstypen, Menschen in Helgoländer Tracht, Hauseinrichtungen mit Netzen, Reusen und Angeln erzählen vom rauen Leben auf der Insel mitten im Meer.

Zu guter Letzt fand ich noch einige Broschüren und zwei Büchlein mit Details aus der Bolzendahl’schen Chronik. Auch außerhalb Helgolands lohnt es sich zu stöbern: Das Deutsche Schifffahrtsmuseum und Historische Museum in Bremerhaven halten jede Menge Ölgemälde, Fotos, Vorträge und Bücher bereit.


Aufgefallen ist mir, dass sich viele Details irritierend oft widersprechen. Mal hat die Treppe ins Oberland 180, dann 126 Stufen. Häuser- und Einwohnerzahlen sind unterschiedlich angegeben. Sogar im Helgolandreise- und -lesebuch steht als Zeitangabe 1721/22 für die Inselspaltung, statt 1720/21. Das mag daran liegen, dass es früher keine bis wenige Aufzeichnungen gab.


Auf zum Jahr der Sturmflut mit einem Rucksack Historie


Welche Geschichte will ich erzählen? Ich wusste nur, der Roman sollte sich um die Inselspaltung drehen. Dieser Zeitabschnitt fällt in die dänische Epoche, die von 1714 bis 1807 andauerte. Also Rucksack an dieser Stelle durchforsten.


Langsam nimmt die Hauptfigur Gestalt an: Der Mann, der Stürme bannen kann. Aber die Szenen schleppen sich schwerfällig dahin, drehen sich im Kreise. Der Arme wurde in die Klippen gesperrt - und erlebt keine Entwicklung. Ich verwerfe den Plot.


Nächste Idee: Meine Protagonistin ist Helgoländerin. Sie lebt, arbeitet, liebt und leidet auf ihrer Insel. Sie hilft dem Gefangenen. Und dann schleicht sich heftiger als erwartet, ein anderer Protagonist ein: der launische Sturm. »Mal prescht er wie von Hunden gehetzt übers Wasser, mal rauscht er wie eine sanfte Brise und kräuselt die Wasseroberfläche.« (Buchzitat)


Zusammengefasst gab es sieben Konzepte und viele Änderungen während des Schreibprozesses. Zwischendurch: Prokrastinieren. Der Begriff meint das Aufschieben von Dingen, die man sich als Ziel gesetzt hat. Und zwar mit dem Tun von Dingen, für die man gar keine Zeit hat. Aus Angst, das Projekt anzugehen. Aus Angst, komplett zu versagen. Aus Angst, dass die Mühe sich nicht lohnt. Will ich das Mammutprojekt - denn so fühlte es sich an - durchziehen?


Ich mach’s kurz: Ich biss die Zähne zusammen und hielt durch. Nach zwei Jahren Schreibzeit (2024 bis 2026) ist »Rebellin im Sturm« fertiggestellt, lektoriert und mit einem professionellen Cover ausgestattet.


Um was geht es in der Geschichte?


Während eine Sturmflut auf die Insel zurollt, plant die Helgoländerin Gesa, den in die Klippen gesperrten Seefahrer Ole Sprinkholt zu befreien. Die Zeit drängt, denn er droht zu ertrinken. Aber was verspricht sich Gesa davon, ihr Leben für einen Fremden zu riskieren?


Aber nicht nur von daher weht der Wind. Das unterschwellige Thema Selbstbestimmung zieht sich sanft, aber stetig durch den Roman. Worte, die nicht zurückgenommen werden können, sind sie einmal ausgesprochen. Sie verletzen nicht nur andere, sondern sie piken wie feine Nadelstiche auch ins eigene Herz. Kann Liebe diese Wunden heilen? Oder zerbricht Gesa daran? Gibt es womöglich eine ganz andere Wendung?


Ab 06. März 2026 erfährst du die Auflösung in der #Helgolandhistorie »Rebellin im Sturm«. Nur soviel ist bekannt: Die Insel wurde unwiederbringlich in die heutige Hauptinsel und die Badedüne gespalten.

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