Weihnachten 2018 - Die Elfe, die nicht der 30. Gast sein wollte

December 13, 2018

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Der Schöpfer freute sich. Alle seine Wesen hatte er eingeladen. Während es draußen stürmte und schneite, waren sie alle bei ihm, um ihm zuzuhören. 

An der Seite seines goldenen Saales stan­den die Einhörner, die mit den Hufen schar­ten, ihre Mähnen schüttelten und schnaubten. Gnome blockierten das Eingangstor und ga­ben es nur widerwillig frei für die Nach­rückenden. Kobolde fuhren ihre Ellenbogen aus, um in die Mitte des Saales zu drängeln. Hochgewachsene schlanke Wassernymphen folgten ihnen und ließen sich auf den Stufen zum Thronsessel des Schöpfers nieder. Feen in weit schwingenden fein geweb­ten Seiden­kleidern schwebten in die Halle. Eine Gruppe Elfenmädchen, die sogar bei diesem nass­kalten Wetter Glockenblumen, Primeln und Klee bei sich trugen, schloss sich ihnen an. Lachend und plappernd schwirrten sie über die Köpfe der Gnome hinweg. Auch die Wichtel bahnten sich lautstark ihren Weg in die Halle. Sie waren ausgerüstet mit Hacken, Sensen, Hämmern, Besen oder anderem Ge­rät, welches sie zur Verrichtung ihrer Arbeit benötigten. 

Der Schöpfer klatschte begeistert in die Hände und sah sich um. Edle, sanftmütige, burschikose, erhabene und sensible Krea­turen, wie nur sein Naturwesenreich sie her­gab, hatten sich um ihn geschart. 

Er kniff die Augen zusammen und sah zur Tür. Endlich schwirrte die letzte Elfe hin­durch.

Sie war in eine haselnussbraune Leder­tracht gekleidet, die sie akkurat am Hals zu­gebunden hatte. Ihren Kopf hatte sie mit einer weißen Kappe bedeckt. Sie klopfte sich den Schnee von den Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. Nur an den ständig vibrierenden Flügeln konnte man erkennen, dass sie eine Tochter des Elfenvolks war. 

Der Schöpfer unterdrückte ein Seufzen, als er die Elfe mit ihren herabgezogenen Mund­winkeln ansah. 

Er blickte in die Runde und bedeutete mit einer Handbewegung um Aufmerksamkeit. 

»Ruhe, ihr Lieben!«, rief er. 

Es wurde still. Ab und zu hörte er ein Ein­horn wiehern, ein Klimpern der Wichtelwerk­zeuge, wenn sie den Boden berührten oder ein Niesen, wenn eine der Elfen Blütenstaub in die Nase gefahren war. 

»Wie ihr wisst, feiern wir zur Winter­sonnenwende den Tag des rückkehrenden Lichts«, begann der Schöpfer. »Und nicht nur das! Die 30. Myriade eures Wirkens jährt sich in dieser Nacht. Stets helft ihr selbstlos und im Verborgenen, ohne euch zu beklagen. Ihr seid zur Stelle, wenn ihr gebraucht werdet. Am liebsten möchte ich jedem von euch ein Geschenk machen. Zum Zeichen meiner Dankbarkeit werde ich ein Fest veranstalten und jedem 30. Wesen, welches über die Schwelle meines goldenen Tores tritt, hüpft oder fliegt, ein Licht überreichen, um mir zu dienen.«

»Was für ein Licht?«, fragten einige.

»Um dem Schöpfer zu dienen«, murmelte es ehrfurchtsvoll durch die Reihen. 

Meist blieb es still.

»Ich möchte nicht der 30. Gast sein«, kam es aus der hintersten Reihe, direkt vom Ein­gang.

Die Naturwesen drehten sich um. 

Der Schöpfer war von seinem Platz aufge­standen und sah ebenfalls hinüber.

»Levella«, sagte er. Jeder hörte den re­signierten Tonfall in seiner Stimme.

»Auf gar keinen Fall«, betonte Levella, drehte sich um und verließ den Saal. 

Die Wesen hefteten den Blick auf den Schöpfer und erwarteten sein weiteres Han­deln. 

Er stützte seinen Ellenbogen auf die Lehne des Thronsessels und ließ den Kopf auf die Handfläche sinken. 

»Levella fühlt sich als etwas Besonderes«, sagte ein Gnom und rümpfte die Nase.

»Sie fühlt sich zu Höherem berufen«, er­gänzte eine hellblaue Fee.

»Jedoch habe ich euch geschaffen, um der Welt zu dienen«, sagte der Schöpfer. »Und damit auch mir. Versammelt euch an unserem Feiertag. Niemand bleibt dem Feste fern!« 

Er sprach so laut, dass seine Stimme nicht nur in der Halle hörbar war, sondern auch draußen erschallte.

Schließlich löste sich seine Erscheinung vor den Augen seiner Wesen auf. Nach und nach verließen sie die goldene Halle. 

 

Am Tage des rückkehrenden Lichts wusste Le­vella, dass der Schöpfer erwartete, dass sie zum Fest erschien. Eine Ausrede würde er ihr gewiss übel nehmen. Seufzend kleidete sie sich in ihr Ledergewand und setzte sich die weiße Kappe auf. 

Sie nahm eine Liste in die Hand und ging sie durch. 

»Ich habe so viel zu tun heute«, murrte sie. »Man braucht mich, ich kann nicht auch noch dem Schöpfer dienen!«

Sie verstaute die Liste in ihrer Ledertasche und legte sie um die Schultern. 

Draußen schneite es. Lautlos glitten die Schneeflocken zu Boden, legten sich auf die Wiesen vor ihrem Haus, bedeckten die Bü­sche und Bäume. 

Die Stille wurde durchbrochen von den Scharen von Naturgeistern, Lichtwesen, Faun und Gnomen, die sich an diesem Morgen zur Halle des Schöpfers begaben. 

Sie öffnete die Tür und folgte ihnen.

Am Tor herrschte reges Gedränge. Jedes Wesen wollte der 30. Gast sein, um ein Licht vom Schöpfer zu empfangen und ihm per­sönlich zu dienen. 

Levella kratzte sich am Hinterkopf und überlegte, wie sie es anstellen könnte, nicht die 30. zu sein. 

»Folge uns!«, hörte sie den Chor ihrer El­fen­schwestern, die heute besonders hübsche Kleider aus weißen Blütenblättern trugen, die fast mit dem neugefallenen Schnee ver­schmolzen.

Sie schwebten über dem Boden, ließen ihre Flügel surren und winkten Levella mit den Fingern herbei. 

Levella zählte durch, wie viele sich ge­sammelt hatten. 29 zählte sie. 

»Ich bleibe unauffällig in der Mitte«, schmiedete sie ihren Plan. »Anschließend kehre ich sofort zu meinen Schutzbefohlenen zurück. Ich habe wahrlich keine Zeit, für den Schöpfer zu arbeiten. Er ist mächtig genug.« 

Sie lächelte den anderen zu und gesellte sich zu ihnen.

Gemeinsam kamen sie beim Tor an. 

Das Gedränge hatte zugenommen, jeder schubste den anderen beiseite. 

An der Schwelle war ein helltönendes »Pling!« zu vernehmen, was ankündigte, dass ein 30. Gast ausgezählt worden war.

Levella zählte die Töne mit. Bald waren es so viele, dass sie den Überblick verlor. Zudem wurde hinter ihr eifrig geschoben. Die Gruppe ihrer Elfenschwestern hatte sich auf­gelöst und jede flog einzeln umher. 

»Pling!«, machte es, als sie über die Schwelle flog. Erstaunt sah sie nach unten, als ihr zwei Libellen einen Gürtel mit einer Glo­cke über die Füße, dann über die Beine bis hoch zur Hüfte zogen. Sie zurrten den Gürtel an und schoben sie beiseite, um den nächsten Gast zu bedienen. 

Mit weit aufgerissenen Augen sah Levella an sich herab. Hektisch versuchte sie, den Gürtel von ihren Hüften zu lösen. Aber er saß fest. Ganz und gar hatte er sich um ihren Körper geschmiegt.

Von hinten erhielt sie einen Stoß und tau­melte auf die Stufen vor dem Thronsessel. 

»Willkommen zur Feier des beginnenden Lichts!«, rief der Schöpfer, der wieder Gestalt angenommen hatte.

Es wurde still im Saal, nur die Glöckchen klingelten. 

»Tretet alle nach vorn, die ihr ein Glöck­chen erhalten habt. Ihr seid auserwählt.«

Levella duckte sich und verbarg mit den Händen ihren Gürtel. 

»Alle!«, sagte der Schöpfer, ohne sie anzu­sehen.

Widerwillig erhob sie sich und reihte sich in die Riege der bimmelnden Naturwesen ein.

»333 Mal habe ich die Gürtel verliehen«, sagte der Schöpfer. »Es gibt viel Licht, das ich verteilen werde.«

Levella wartete am Ende der Reihe und sah, wie jedes Wesen voller Stolz sein Ge­schenk empfing. Ein Einhorn erhielt ein gol­denes Gefäß, aus dem weißes Licht entwich. Der Schöpfer sagte etwas zu ihm, was sie nicht verstand, aber sie sah, dass das Tier lächelte. Ein Zwerg bekam einen irdenen Topf, aus dem dunkelrotes Licht stieg. Freu­dig sah er auf. Eine Nymphe erhielt einen türkisfarbenen Topf, in welchem warmes Sonnenlicht schimmerte. Der Schöpfer ver­teilte all sein Licht, bis er schließlich vor Levella stand. 

Er reichte ihr einen Silbertopf. »Du wolltest nicht der 30. Gast sein, um mir zu dienen, Levella«, sagte er und die Elfe blickte zu Bo­den. 

»Ich bin dein Schöpfer, daher weiß ich, warum. Du dachtest, du hättest dann keine Zeit mehr für die deinen. Ich weiß, wie wich­tig sie dir sind. Daher bitte ich dich, nimm dein Licht an.«

Levella nickte schuldbewusst. Sie nahm den Topf entgegen und hob den Deckel an. Ein grünes Licht strömte aus dem Gefäß. Erst war es dunkel wie die Tannen des Waldes, dann wurde es hell wie das Gras und glitzerte schließlich wie der Weiher hinter ihrem Haus. Weich legte er sich über ihr Gesicht. Sie atmete ein und Kraft durchströmte ihren Körper. 

»Es ist das Licht der Heilung«, sagte der Schöpfer. »Nimm ihn mit in das Kranken­haus, wo du tagtäglich wirkst. Du dienst mir, indem du deinen Schützlingen dienst.«

Levella lächelte und drückte den Silbertopf an sich. Sie war dankbar, als 30. Gast aus­erwählt worden zu sein.

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