Denk außerhalb der Box: Teil 2 - Nora

June 30, 2017

 

 

Ich fühle mich eigenartig schwach, obwohl ich fast eine Stunde geschlafen habe.

Vor der Schlafzimmertür ist es ruhig. Ich müsste Stefan hören, wenn er die Koffer umpackt. Eine Weile bleibe ich noch liegen, fast automatisch lege ich meine Hand auf die Stirn. Die Kopfschmerzen sind nicht weggegangen. Sie machen sich immer dann bemerkbar, wenn ich ein schlechtes Gewissen habe. Aber warum? Schon lange wollte ich nach Teneriffa, einen entspannten Sommerurlaub verbringen. Mich auf niemanden konzentrieren, einfach nur in die Ferne sehen, am besten hinaus auf’s Meer. Ist das so schlimm, wenn ich mal nicht das tue, was Stefan vorschlägt?

Seit mich diese Migräne plagt, kümmert er sich um mich. Versucht mir alles recht zu machen, mir jeden Wunsch zu erfüllen. Woher weiß er überhaupt, welche Wünsche ich habe?

Ich verdränge die Gedanken und stehe auf. Ein altes vergilbtes Blatt Papier fällt herunter. Ich hebe es auf und erstarre.

Nora, du fehlst mir. Wo bist du bloß geblieben?, steht dort.  

Was soll das bedeuten?, frage ich mich.

Ein Gefühl schleicht sich heran, das mich in Watte packen will. Wie durch einen Vorhang schaue ich auf das Papier.

„Stefan?“, rufe ich.

Als es still bleibt, gehe ich hinaus auf den Flur. Unberührt stehen dort die drei Koffer.

„Stefan?“, rufe ich lauter und merke, dass meine Stimme piepsig wird.

Die auftretende Leere trifft mich unvermittelt. Mein Blick fällt auf den vergilbten Brief. Ich wende ihn hin und her, stutze. Die Rückseite ist ebenfalls beschrieben, jedoch nicht mit Stefans Handschrift.

 

Du bekommst sie genau hier und heute. Sei dir sicher, dass sie niemals später eintreffen. Stets sind sie zur rechten Zeit da. Denn Impulse gehören zu deinem HEUTIGEN Lebensweg. Sie begleiten dich nicht nur, nein, sie LEITEN dich. Dieser Weg ist kein ebener, kein konstant vorgeschriebener. Morgen kann er bereits ganz anders aussehen. Sei dir sicher, dass du die gleichen Impulse in ein, zwei, zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr in dieser Form erhalten wirst. Folge ihnen heute, verschiebe nichts ins Morgen. Denk außerhalb der Box.

 

Impulse, hallt es in meinem Kopf. Noch einmal drehe ich den Brief herum.

Nora, du fehlst mir. Wo bist du bloß geblieben? Das wiederum ist Stefans Schrift, dieses andere hochgestochene Zeug würde er nicht von sich geben.

Ich lasse mich auf einen der Koffer nieder.

 

Ich weiß, wir haben uns auseinandergelebt. Wann hat das angefangen? Es gab eine Zeit, da konnten wir über alles reden, lachten miteinander, teilten die gleichen Vorlieben.

Stefans Vorlieben, fällt mir ein. Seine Lust zu reisen. Seine Lust, fremde Länder zu entdecken, diese verrückten Extremsportarten, die pure Abenteuerlust.

Es war anstrengend für mich. Stefan zuliebe kam ich mit. Irgendwann setzten diese Migräneanfälle ein. Ich vertrug das Essen in den fremden Ländern nicht mehr, hasste die Hitze, die Sonne, den Regen, die Kälte.

Ich suchte eine Psychologin auf. Nein, sie könne mir nicht helfen, sie meinte nur, ich würde wohl zu sensibel auf die Umstände reagieren. Ich solle eben mehr auf meine Bedürfnisse achten.

Als ich das Stefan erzählte, hat er darüber gelacht.

Ich habe ihnen stehen gelassen, wollte nicht mit ihm diskutieren.   

Dies, ja dies könnte der Moment gewesen sein, als es abwärts ging. Drei Jahre, rechnete ich nach, war das jetzt her.

Ich versuchte den Ratschlag meiner Psychologin zu befolgen, wusste jedoch nicht wie. Nach wie vor folgte ich Stefan zu seinen Ausflügen.

Was genau willst du? Diese Frage schleicht sich klammheimlich von hinten an, bis sie meine Stirn erreicht hat und von innen dagegen klopft.

Na, bei ihm sein. Schließlich liebe ich ihn.

 

In nur drei Stunden geht unser Flug, fällt mir ein. 

Es wäre diesmal mein Urlaub gewesen, mein Strandurlaub. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich durchgesetzt, ihn überredet habe.

Wo bist du geblieben?, hat Stefan gefragt.

Ich sehe mich um, dann nehme ich meine Jacke, schwinge mich auf’s Fahrrad und radle hinunter ins Dorf. Es ist eine vage Chance, aber es ist die letzte, die mir einfällt. Ich folge nur einem Impuls.

 

Das kleine graue Haus ist genau wie früher mit einer weiß-blauen Markise überdacht, die fünf Plastiktische mit jeweils vier Stühlen beschattet. An der Seite sind Pflanzkästen aufgestellt, in denen sich violette Clematis hochranken und mit ihren sechsblättrigen sternförmigen Blüten neugierig die Besucher beobachten.

Ein Pärchen sitzt an einem Tisch, teilt sich einen riesigen Eisbecher, zwei ältere Damen essen Tortenstücke und trinken Kaffee.

Ganz im Schatten sitzt Stefan in seiner viel zu warmen Motorradkluft und starrt gedankenverloren auf sein Handy.

„Hier bin ich. Du hast gefragt, wo ich geblieben bin“, sage ich lächelnd, als ich direkt vor ihm stehe.

Er hebt den Kopf. „War das dein erster Impuls?“

Ich nicke. „Denk außerhalb der Box. Unser erstes Treffen ist mir eingefallen, hier in der alten Eisdiele.“

Wir sehen uns beide um. „Hier haben wir schon früher immer alles besprochen", sagt Stefan versonnen.

Wir fangen an zu reden, genau wie früher.

Er küsst mich liebevoll, zuckt die Schultern. „Sorry“, flüstert er.

 

Stefan ist nicht mein Wunscherfüller, weiß ich. Er ist nicht zuständig für mein Glück.

Wir haben unterschiedliche Interessen, aber wir finden zueinander. Der Zauber, den wir bereits beim ersten Treffen hier in unserer Box verspürt haben, ist zurückgekehrt.

Keine Alleingänge mehr, versprechen wir uns. Keine Ausreden, kein Vorschieben vermeintlicher Befindlichkeiten.

Wir fahren nach Hause, Stefan mit dem Motorrad, ich mit dem Rad hinterher. Schließlich wollen wir in einer Stunde im Flieger sitzen.

„Ich freue mich auf den Urlaub“, hat Stefan gesagt. „Weil du wieder da bist.“

Ein freudiger Schauer kribbelt meinen Rücken entlang, während ich kräftig in die Pedale trete. Zum Glück sind meine Kopfschmerzen verschwunden.

 

© dangel099- pixabay.com

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