Denk außerhalb der Box: Teil 1 - Stefan

June 27, 2017

 

Sie ist enttäuscht von mir, ich begreife es einfach nicht. Dabei habe ich alles zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt.

Ratlos sitze ich vor dem PC, betrachte das Hotel, was ich gebucht habe, die Zimmer, den Frühstücksraum. Das Hotel hat die beste Preiskategorie, die Zimmer haben Meerblick, der Strand ist nur 150 Meter entfernt, Verkehrsanbindung besteht.

Zu laut, fällt mir ein. Es war ihr zu laut. Mit ihrer beständigen Migräne hielte sie das nicht aus.

Seufzend storniere ich die Buchung, obwohl es bereits 22:13 Uhr ist. Aber am selben Tag fallen wenigstens keine Stornokosten an, sagen die AGB. Ich suche ein neues Hotel aus. Es ist idyllisch an einem Berghang gelegen. Ich drücke den „Buchen“-Button, dann schleppe ich mich kurz vor Mitternacht ins Bett. Teneriffa, wir kommen! 

Ich schaue zu ihr hinüber. Mit dem Rücken zu mir liegt sie unter ihrer Bettdecke.

Ich hoffe, es wird kein Desaster, wenn ich ihr morgen früh erzähle, dass der Strand nun fast anderthalb Kilometer entfernt ist. 

 

Schwer atmend und stumm nimmt sie am nächsten Morgen auf, dass es vom Hotel eine ordentliche Wegstrecke bergab zum Strand ist.

Ich trage die Taschen, biete ich an.

Sie nickt, hält sich den Kopf und geht ins Wohnzimmer.

 

Am Abreisetag habe ich drei Koffer gepackt, zwei für sie, einen für mich. Diesmal brauche ich nicht viel. Badesachen, Shirts, kurze Hosen und zwei Pullis für den Abend, falls es frisch wird. Ein paar Zeitschriften über Motorsport, Freeclimbing und Kitesurfen nehme ich ebenfalls mit. Wenn ich in diesem Urlaub schon auf meine Lieblingssportarten verzichte, will ich wenigstens darüber lesen.

Das missmutige Gesicht, mit denen sie die Koffer betrachtet, entgeht mir nicht. Es soll mir auch nicht entgehen, dafür sorgt sie schon.

„Ein Gepäckstück pro Person. Für jedes weitere zahlen wir einen Aufpreis! Ich dachte, du wüsstest das, das ist doch nicht unsere erste Reise. Und hast du die Koffer mal angehoben? Die sind sogar zu schwer, um sie hinterher zu ziehen!“

„Es sind nur die Sachen drin, die auf deiner Liste standen“, wehre ich vorsichtig ab.

Wieder diese Geste, mit der sie sich an den Kopf greift, die andere Hand stützt sie in die Hüfte. Ihr Kopf ist leicht zur Seite geneigt. Ich bewundere die feine zarte Figur, die sie dabei abgibt.

„Stefan“, stößt sie schließlich hervor. „Das war eine Auswahl, keine Liste. Ich wusste nicht, dass ich dir das sagen muss. In vier Stunden geht unser Flug. Wie soll ich das in dieser kurzen Zeit in Ordnung bringen?“

„Ich kümmere mich darum“, sage ich.

Wieder hält sie sich den Kopf, dreht sich weg und verschwindet im Schlafzimmer.

Ich stehe im Flur, neben mir die drei Koffer. Keine Ahnung, welche Sachen in dem einen und welche in dem anderen Koffer sind.

 

Wann hat das angefangen?, grübele ich. Dieses theatralische mimosenhafte Benehmen? Es betrifft ja nicht nur den Urlaub. Es gab eine Zeit, da konnten wir nicht die Finger voneinander lassen. Wir lachten, quatschten, liebten uns. Wann ist uns das abhanden gekommen?

 

Eines Tages stand sie vor mir, die Händen in den Hosentaschen, den Blick abgewandt. Sie wäre bei ihrer Psychologin gewesen, weil sie sich seit langer Zeit nicht mehr gut fühle.

Sie wäre einfach zu sensibel, hätte diese schließlich diagnostiziert.

Das ist doch keine Diagnose, hatte ich erwidert. Das sind wir alle. Auf die eine oder andere Art.

Was für ein Quatsch! Du kannst gar nicht mitreden, hatte sie mich angefahren.   

Dies, ja dies könnte der Moment gewesen sein, als es abwärts ging. Drei Jahre war das jetzt her.

Seitdem zog sie sich zurück, wann sie es für richtig hielt, kam auf mich zu, wann sie es für richtig hielt. Die Psychologin hätte ihr dazu geraten, sie müsse ihre Bedürfnisse ernst nehmen.

Ich ließ sie gewähren. Ab sofort achtete ich darauf, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, zu erspüren, was sie wollte – und was nicht. Es gelang mir, mal besser, mal schlechter, mal gar nicht. Im Endeffekt war es ein einziges Rätselraten, ein sehr erschöpfendes Rätselraten. Ich spürte nur, dass ich keine Hilfe für sie war. Aber ich hielt durch.

Schließlich liebe ich sie.

 

Ein Seufzer entfährt mir, als ich daran denke. Ich wollte mich um die Koffer kümmern, fällt mir ein.

Meine Arme hängen an mir herab, die Hände wollen einfach nicht die Verschlüsse öffnen.

Stattdessen schaue ich nach oben. Genau über mir ist die Luke zum Dachboden. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, bis ich den Metallring zu fassen kriege und ziehe sie zu mir herunter. Eine Leiter gleitet hinab, ich stelle sie am Boden auf und steige hoch.

Gemütlich setze ich mich auf eine schmale Kiste und lasse meinen Blick umher schweifen.

Rechts neben mir steht eine unscheinbare Pappschachtel. Jemand hat einen Zettel darauf geklebt, aber es ist weder meine, noch Noras Handschrift. Ich kenne sie nicht.

Ich hebe die Schachtel auf meine Knie und muss lächeln, als ich die Worte entziffere: Denk außerhalb der Box, steht dort.

Ich öffne sie. Altes vergilbtes Papier kommt zum Vorschein. Briefe, die jemand gesammelt hat. Ich nehme vorsichtig einen heraus und falte ihn auseinander.

Merkwürdig, geht es mir durch den Kopf, die erste Seite fehlt, keine Anrede, kein Datum. An wen ist der Brief gerichtet?

Also lese ich die zweite Seite, möglicherweise ist es auch eine dritte oder vierte.


Du bekommst sie genau hier und heute. Sei dir sicher, dass sie niemals später eintreffen. Stets sind sie zur rechten Zeit da. Denn Impulse gehören zu deinem HEUTIGEN Lebensweg. Sie begleiten dich nicht nur, nein, sie LEITEN dich. Dieser Weg ist kein ebener, kein konstant vorgeschriebener. Morgen kann er bereits ganz anders aussehen. Sei dir sicher, dass du die gleichen Impulse in ein, zwei, zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr in dieser Form erhalten wirst. Folge ihnen heute, verschiebe nichts ins Morgen. Denk außerhalb der Box.

 

Ich falte den Brief zusammen. Nachdenklich schaue ich aus dem Dachfenster. Schließlich stecke ich den Brief in meine Hosentasche und steige die Leiter wieder hinab. Sorgsam verschließe ich die Luke.

Im Flur stehen die drei Gepäckstücke, in vier Stunden geht unser Flug.

Aus dem Arbeitszimmer hole ich einen Stift und schreibe auf die Rückseite des Briefes: Nora, du fehlst mir. Wo bist du bloß geblieben?

Ich habe keine Ahnung, ob sie das versteht.

Denk außerhalb der Box, stand auf der Pappschachtel. Ein Bild fällt mir dazu ein, ich weiß, wo ich hingehen werde. Auf den Urlaub kann ich verzichten. Am Strand zu liegen und beschauliche Landschaften zu betrachten, ist sowieso nicht meine Sache.

Ich gehe ins Schlafzimmer, berühre sanft ihre Schulter. Sie schläft. Den Brief lege ich neben ihr Kopfkissen.

Impulse, denke ich. Ich hoffe, dass Nora ihre eigenen erhält.

 

© dangel099- pixabay.com

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