Hinter den Mauern der Ebnisburg: Teil 3 - Gesines Kletterpartie

July 1, 2018

 

Langsam schritt Gesine das steile Bollwerk der Ebnisburg ab. Der Weg endete abrupt. Stattdessen blickte sie einen schrägen Erdwall hinauf, der mit kleineren Bäumen und Büschen bewachsen war. Gesteinsbrocken säumten den Hang.Sie befand sich zwischen dem östlichen und nördlichen Wehrturm.Einen Versuch ist es wert, sagte sie sich. Mutter und Loredana müssen hier irgendwo sein.Die Steine waren glatt und trocken. Gesine schlug die Kapuze ihres Umhangs zurück, raffte ihren Rock und begann zu klettern.

Einige Brocken waren groß genug, um sie als Stufen zu benutzen. Sie tastete mit den Händen vorwärts, setzte Fuß für Fuß auf die Felsvorsprünge. Ab und zu blieb sie stehen und beobachtete, ob sich etwas auf den beiden Wachtürmen tat, die sich links und rechts über ihr erhoben. Sie dachte an ihre Schwester Loredana, die es liebte, auf Bäume zu klettern. Sie hätte dieses Unterfangen sicherlich mühelos gemeistert. Gesine aber keuchte.

Eine Bewegung unter ihr ließ sie zusammenzucken. Sie hielt inne. Es war eher sanft gewesen, aber Gesine spürte eine Gänsehaut auf ihrem Körper. Sie sah hinunter. Ein paar kleinere Steine hatten sich gelöst und rollten unter ihren Füßen hindurch.

Als es still blieb, kletterte sie weiter. Der Hang endete wenige Fuß unterhalb der Wehrmauer. Es war schwierig, den Überhang zu erklimmen und ungesehen hinaufzukommen.

Wenn in den beiden Türmen Wachposten sitzen, bin ich verloren, überlegte sie. Dann finde ich mich schneller auf dem Burghof wieder, als mir lieb ist.

Flach presste sie sich an den Hang. Der dunkelgraue Kapuzenumhang machte sie fast unsichtbar, aber die Stellung war unbequem. Noch einmal blickte sie von einem Wehrturm zum anderen.

Merkwürdig, dass sie gerade heute nicht besetzt sind, ging es ihr durch den Kopf.

Sie blieb auf einem größeren Felsen stehen und klammerte sich an den Mauervorsprung. Stimmengewirr drang vom Burghof zu ihr herüber. Sie zog den Kopf etwas höher, um besser sehen zu können.

Emsiger Trubel herrscht dort, die Burgbewohner beluden Fuhrwerke mit ihren Habseligkeiten und huschten quer über den Hof.

„Sie fliehen“, flüsterte Gesine zu sich selbst.

Sie ließ den Blick über den Burghof schweifen. In der Mitte war ein Scheiterhaufen errichtet worden. 

Hielt der Burgherr ihre Mutter und ihre Schwester für Hexen? Wo waren die beiden, wo hatte er sie eingesperrt? Gesine stöhnte auf.

Ihr Blick blieb an einer Gestalt hängen, die regungslos auf dem Burghof stand. Sie hielt eine Katze auf dem Arm und sah direkt zu ihr herüber. Auch die Katze drehte den Kopf und funkelte sie aus bernsteinfarbenen Augen an. Erschrocken lockerte Gesine den Griff auf der Mauer.

Noch ehe sie es verhindern konnte, rollte sie hangabwärts. Sie spürte, wie sich ein Schrei den Weg durch ihren Körper bahnte und laut aus ihrem Mund entweichen wollte. Mit aller Macht hielt sie ihn zurück.

Spitze Steine, Sträucher, Äste und Dornen pikten in ihre Haut und verletzten ihren Körper.

Sie hörte den Wasserfall rauschen und wusste, dass sie förmlich zum Fluss hinabgerissen wurde. Hart traf sie ein Stein am Kopf, raubte ihr den Atem. Ihr Schrei entwich laut und hallte von den Burgmauern wider. Vögel flatterten auf und stoben davon.

Am Fuße einer Weide blieb sie liegen. Grüne Zweige tanzten vor ihren Augen, ein paar Blätter glitten über ihr Gesicht. Sie blinzelte durch die Zweige. Ein Schatten schob sich dazwischen.

Über ihr gebeugt stand Brunhilda, die schwarze Hexe der Ebnisburg. Die Katze schnurrte in ihrem Arm.

„Was für eine Kletterpartie, Gesine. Schön, dass du gekommen bist, gerade rechtzeitig, um mein Vorhaben zu unterstützen.“

„Was hast du vor?“, wollte Gesine fragen, aber eine betäubende Ruhe machte sich in ihrem Kopf breit.

 

Bild: © kurapatka - fotolia.com

Please reload

Featured Posts

News 2019 - 2020

November 25, 2019

1/6
Please reload

Recent Posts

November 25, 2019

December 2, 2018

July 1, 2018

Please reload

Search By Tags
Follow Me
  • Facebook Social Icon

FOLLOW ME

  • Facebook Social Icon

© 2019 by Simone Guette. Proudly created with Wix.com