Hinter den Mauern der Ebnisburg: Teil 2 - Begegnung im Verlies

July 1, 2018

 

Eine dunkle Gestalt beugte sich über mich und hielt mir den Mund zu. Es war schlimm genug, dass Dederich mich im Verlies aufgesucht hatte, aber dass offenbar eine zweite Person mit hineingekommen war, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Nun zog sie langsam die Hand zurück, mit der anderen nahm sie die Kapuze vom Kopf.

„Du bist das“, stellte ich fest.

Vor mir stand Brunhilda, Dederichs Stieftochter.

„Hast du Schmerzen?“, fragte sie. „Immerhin hat er dich die Kerkertreppe hinab geworfen.“

Ich nickte.

Brunhilda drückte sanft auf meinen Bauch, befühlte den Brustkorb. Die Prellungen taten weh und ich sog zischend die Luft ein.

Sie holte einen kleinen Topf aus ihrem Gewand und verstrich etwas Salbe auf die freigelegten Stellen.

Ich beobachtete mein Gegenüber genauer. Schon auf dem Burghof war mir Brunhildas verrußtes Gesicht aufgefallen, während Unterarme und Hände weiß und sauber unter dem Umhang hervor lugten.

„Wie bist du hineingekommen?“, fragte ich sie.

Brunhilda lächelte kurz. „Ich bin Dederich gefolgt. Das war leicht. Er macht viel Lärm, hört nur sich selbst. Er würde sagen, es ist schwarze Magie. Ich lasse ihn in dem Glauben. Es ist das einzige, wovor er sich wirklich fürchtet. Sagen wir so, es hat durchaus Vorteile, wenn man als schwarze Hexe verschrien ist. Ich kenne viele Mittel und Wege, mich unsichtbar zu machen.“

Aus den Erzählungen meiner Schwester Gesine wusste ich, dass Brunhilda und sie vor vielen Jahren befreundet gewesen waren. Gesine hatte auch erwähnt, dass Brunhilda ihre Mutter durch Dederich verloren hatte.

„Sag mir, was du vorhast“, bat ich sie.

„Ich werde es dich zu gegebener Zeit wissen lassen“, antwortete sie. „Vertrau mir.“

„Dir vertrauen?“, entfuhr es mir. Ich erinnerte mich an den Hass, den Gesine auf die ehemalige Freundin hatte. „Du bist eine Verräterin. Du hast Mutter und Gesine im Stich gelassen und nun benutzt du uns wie Figuren auf einem Spielbrett!“

Sie hielt in der Bewegung inne, dann stand sie auf. 

„Wie geht es den beiden? Hat Gesine noch ihre heilenden Hände?“, fragte sie, ohne darauf einzugehen.

Jetzt war ich es, die erstaunt aufsah. „Heilende Hände? So etwas hatte sie nie.“

Brunhilda senkte den Kopf. Sie verstaute ihre Salbe, wandte sich zum Gehen, antwortete jedoch nicht.

Ich packte sie am Umhang. „Es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe. Dederich hält mich gefangen, ich weiß nicht, was ich tun soll. Weihe mich in deine Pläne ein.“

Brunhilda sprach noch immer nicht. Sie stand mit dem Rücken zu mir, öffnete die Kette, die um die Eisenstäbe der Tür gelegt war und schloss sie sogleich hinter sich.

„Reicht es, wenn ich dir sage, dass es dir bestimmt ist, einmal die Herrin der Ebnisburg zu werden, Loredana?“, fragte sie schließlich.

„Dann lass mich frei!“, bettelte ich.

„Es geht nicht“, sagte sie ungerührt. „Es würde meine Pläne zerstören.“

Ich habe es falsch angepackt, wusste ich, als Brunhilda den Kerker verließ. Ich bin bereits eine Figur auf ihrem Spielbrett.

 

Bild: © darksouls1 - pixabay.com

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