Die Rettung

July 1, 2018

 

Es war einmal vor langer Zeit, als die Kälte nicht mit Brennholz, der Hunger nicht mit Brot zu vertreiben war, da lebte eine arme Frau mit ihren beiden Töchtern am Waldrand.

Sie war schwanger in jenem Winter. Ihr Mann war vor kurzem an einer brandigen Wunde verstorben, die er sich durch eine Hasenfalle zugezogen hatte, als er versuchte, für seine Familie Nahrung zu beschaffen.  Die Frau hatte weder Kräuter noch Verbände vorrätig gehabt und die Wunde ihres Mannes war nicht geheilt. Er verstarb, noch ehe die Frau das Kind auf die Welt gebracht hatte.

Die kleine Familie sorgte seitdem für sich selbst. Sie flochten Körbe aus Weidenruten, stellten Holzgeschirr und Esslöffel her und verkauften ihre Waren auf dem Markt. Mehr schlecht als recht konnten sie sich von der kargen Einnahme ernähren. Die Frau sah dem neuen Esser mit Besorgnis entgegen.

Am Neujahrsmorgen war es soweit. Die Frau gebar eine kleine Tochter. Sie war mager und schrie vor Hunger, denn die Mutter hatte nur wenig Milch für sie. Die Frau nannte das Kind Mohnblüte, weil sich kleine rote Locken auf seinem Kopf kringelten.

Tag und Nacht weinte das Kind. Die Mutter litt mit ihm, kümmerte sich so gut es ging.

Eines Nachts, ein gutes halbes Jahr später, wurde sie wieder von ihrem Kind geweckt. Je älter es wurde, umso größer wurde sein Hunger. Sie schaukelte es im Arm und versuchte, es in den Schlaf zu singen. Sie ließ es an ihrem Finger nuckeln, strich ihm über das Köpfchen und wusste bereits, dass es keine Chance haben würde.

Am nächsten Morgen bat sie ihre älteste Tochter, auf die jüngere Acht zu geben und lief mit Mohnblüte hinaus in den Wald.

Sie fragte die Bäume: „Was kann ich tun, um sie zu ernähren? Könnt ihr mir helfen?“

Und die Bäume antworteten ihr: „Leg sie hernieder, wir betten sie warm und fein in Laub und Erde bei uns ein.“

Da gruselte es die Frau und sie lief mit ihrem Kind davon.

Hinter dem Wald streckten sich Weizenfelder bis an den Horizont und die Frau ging mitten hinein.

„Wisst ihr Rat, wie ich genug Milch und Brot für sie bekomme?“

Und das Korn wogte im Wind und wisperte: „Leg sie hernieder, wir haben genug für alle hungrigen Mäuler.“

Da legte die Frau das Kind in das Weizenfeld und ging zurück an den Feldrain. Aber wie sie da so stand und nur das Korn sich hin- und herbewegen sah, aber die kleine Mohnblüte nicht sehen konnte, da bekam sie Angst, eilte zurück und holte ihr Kind.

Sie lief hinunter zum Bach, wo sie Wasser und Weidenzweige holte, um ihre Körbe zu flechten.

„Du gibst uns Wasser zu trinken, aber ich brauche mehr als Wasser, um mein Kind zu nähren.“

Der Bach plätscherte vor sich hin und zog an den Weiden, die mit ihren Zweigen das Wasser berührten. „Leg sie ins Körbchen aus Weiden gebunden, wir tragen sie weit, bis sie wird gefunden.“

Die Frau drückte ihr Kind fest an sich, denn sie fürchtete, dass es ertrinken würde.

Traurig machte sie sich auf den Heimweg, ging an den Feldern vorbei und bog in den Wald ein. Sie spürte die Unruhe des kleinen Bündels, das bald wieder vor Hunger schreien würde.

Als sie den Waldweg entlang ging, hörte sie hinter sich Pferdegetrappel und als sie sich umsah, erkannte sie eine große Staubwolke auf dem Weg.

Ein Reiter galoppierte heran und die Frau ging eilig in Deckung. Mit zusammengekniffenen Augen spähte sie durch die Bäume und erkannte den Grafen der Ebnisburg auf seinem Pferde. Er war der Gutsherr dieser Ländereien, ein kluger und gerechter Herrscher. Seine Untertanen liebten und schätzten ihn. Oft war sie selbst auf dem Burghof zugegen, wenn Markttag war. Auch wusste sie, dass seine Frau in den Wehen lag und ihr erstes Kind gebären sollte. Sicher war er auf dem Weg zu ihr.

Kurzerhand trat die Frau aus ihrem Versteck und legte ihr Kind am Wegesrand ab. Dann verschwand sie im Unterholz.

In der Tat gab der Graf seinem Pferd die Sporen, um den Wald zu durchqueren. 

Das Pferd jedoch scheute, wieherte laut und bäumte sich auf. Der Graf hatte Mühe, sich festzuhalten.

„Ist ja gut, meine Schöne. Was ist los?“ Beruhigend klopfte er den Hals seines Pferdes und blickte sich um.

Eine Waldmaus huschte über den Weg und verschwand im Unterholz. Die Stute tänzelte beunruhigt von einem Bein auf das andere.

Der Graf lachte. „Du bist ja Angsthase! Das war nur eine Waldmaus, also wirklich!“

Die Stute schüttelte ihre Mähne und ging nicht weiter.

„Also gut, überredet“, sagte der Graf. „Du hast den ganzen Weg durchgehalten, wir gönnen uns eine Pause. Es ist ja nicht mehr weit.“

Er stieg von seinem Pferd und nahm die Zügel in die Hand, als er ein Wimmern hörte. Erstaunt hielt er inne. Das Wimmern wurde lauter und steigerte sich sogar. Er sah sich in dem dunklen Wald um, das nur wenige Sonnenstrahlen durch die dichten Blätterdächer ließ. Vor ihm auf dem Weg lag ein Bündel, welches herzzerreißend weinte. Er ging darauf zu und hob es auf. Sanft wiegte er es im Arm, während er sich umsah.

Die Frau, die alles beobachtet hatte, duckte sich tiefer hinter die Büsche.

Sie fühlte Tränen aufsteigen und überlegte, ob sie ihn rufen sollte. Ihn bitten sollte, für das Kind zu sorgen. Oder ihn bitten sollte, ihr das Kind zurückzugeben.

Aber während sie darüber nachdachte, hatte sich der Graf auf seine Stute geschwungen, das Bündel vor sich auf den Sattel gelegt und ritt nun im gemächlichen Trapp auf seine Burg zu.

„Willkommen, neues Familienmitglied!“, hörte die Frau und spürte, wie ihr die Tränen die Wangen herabliefen.

Die kleine braune Waldmaus, die dem Reiter hinterher blickte, sah weder die Frau, noch der Graf.

 

© prawny - pixabay.com

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