Der Besucher

June 1, 2017

 

Ich schrecke aus dem Schlaf. War da nicht ein Geräusch im Wohnzimmer? Ein verhaltener Schritt über das Parkett? Es knarrt und erstirbt, als ob jemand in der Bewegung inne gehalten hätte. Ich hebe etwas den Kopf, mein Körper ist angespannt, während ich lausche. Minutenlang. Aber nichts tut sich mehr. Ich entspanne mich und sinke tiefer in die Kissen zurück. Habe wohl schlecht geträumt. Es ist stockdunkel draußen, es muss also noch mitten in der Nacht sein. Verschlafen ziehe ich mir die Decke über die Schultern und atme laut aus. Da ist es wieder. Dreimal hintereinander knarrt das Parkett. Kein Zweifel, da läuft jemand durch meine Wohnung! Ich träume nicht mehr, ich bin wach. Mein Körper bebt vor Angst, aber ich muss es wissen: Wer ist in meiner Wohnung? Ich lebe allein, habe keine Mitbewohner und keine Haustiere. Niemand hat einen Schlüssel, Fenster und Türen halte ich geschlossen.

Leise, als ob ich mich selbst auf fremdem Terrain befinde, schlage ich die Bettdecke zurück und schlüpfe in meine Hauslatschen. Mit ihnen kann ich lautlos über das Parkett gleiten. Ebenso leise drücke ich die Klinke der Schlafzimmertür herunter und spähe in den Flur. Es ist dunkel - und wieder still. Absolut still. Zu still. Jemand hält die Luft an. Mit einer Hand taste ich vorsichtig auf dem Sideboard umher und finde den Kerzenstumpen, meine Lichtquelle, wenn ich abends auf dem Balkon sitze. Er hat gute sieben Zentimeter Durchmesser und ist fast zwanzig Zentimeter hoch.

Ich umklammere ihn mit der Hand, nehme all meinen Mut zusammen und stürme durch den kurzen Flur direkt ins Wohnzimmer. Eine Bewegung nehme ich wahr, aber ich bin schneller. Schwungvoll lasse ich den Stumpen auf meinen nächtlichen Besucher nieder saußen. Sein Körper knallt auf das Parkett. Mit der freien Hand schlage ich links neben der Tür auf den Lichtschalter. Es wird hell. 

"Sie sind das", sage ich tonlos, als ich sehe, wen ich mit dem Kerzenstumpen niedergestreckt habe. 

"Und Sie brauchen eine neue Kerze, Frau Richterin", erwidert Mortimer Stewart, den ich vor wenigen Monaten lebenslänglich hinter Gitter gebracht hatte. "Aber vielleicht brauchen Sie ab jetzt auch gar nichts mehr", fügt er leise hinzu, als er langsam aufsteht.

 

Bild: © bykst - pixabay.com

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