"Karmageister" - Historischer Hintergrund

June 18, 2016

 

Historischer Hintergrund - ein Auszug

 

Die Zeit, in die ich meine „Karmageister“ reisen lasse, ist die frühe Neuzeit, bekannt als Renaissance. Sie wurde eingeläutet durch viele neue Entwicklungen. Wie bei allen Zeitepochen war der Übergang vom ausgehenden Mittelalter zur Neuzeit fließend. Vieles entwickelte sich bereits im Spätmittelalter, um in der frühen Neuzeit aufzublühen - oder zu eskalieren. Mit Ausnahme von Italien (ein Land, was bereits Mitte des 14. Jh. fortschrittlicher war als der Rest Europas), begann die Renaissance im restlichen Europa ungefähr Ende des 15. Jahrhunderts:

Das Jahrhundert der Entdeckungen

 

Gerade eben, 1492, entdeckte Kolumbus Amerika, wenn auch erst beim vierten Anlauf. Eigentlich sollte er nur den Westweg nach Indien ausfindig machen, damit die Europäer auf schnellerem und günstigeren, heißt zollfreien, Wege Handel treiben konnten. Er entdeckt jedoch viel mehr: eine neue exotische Welt, Menschen, die die weißen Entdecker als Götter anbeten und ein unfassbar großes Reservoir an Gold und Silber. Und nicht zuletzt, dass die Erde eine Kugel ist, die man auf dem Seewege weit über den Horizont hinaus befahren kann, ohne über den Rand zu stürzen.  

Das Zeitalter der Entdeckungsreisen bricht an. Die Weltkarten des 15. Jahrhunderts, die Europa übergroß zeigen und damit alle Seemeilen falsch ausweisen, verändern sich mit jeder neuen Entdeckung und müssen ständig neu kartographiert werden. - Dies war auch einer der Gründe, warum Kolumbus sich verfahren hatte bzw. so viele Anläufe brauchte: Mit dem vorhandenen Kartenmaterial ließ sich keine korrekte Berechnung der Route anstellen. Und damit kalkulierte er auch die benötigte Menge an Proviant für seine Mannschaft falsch. Hunger, Krankheit und Tod an Bord der Schiffe waren die Folge. 

Aber der Fortschritt lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Entdeckungen sind für die Bewohner der alten Welt von so großer Bedeutung, dass eine wahre Flut von Abenteurern und Eroberern auf den amerikanischen Kontinent strömt. Kartographie, Völkerkunde, Astronomie und Philologie sammeln aufgrund des regen Austausches und des nun geradezu explodierenden Seeverkehrs eine überwältigende Vielzahl neuer Erkenntnisse.

Im Auftrag der Krone befahren die spanischen und portugiesischen, später auch die englischen, französischen und niederländischen Seefahrer, die Weltmeere. Sie erbeuten tonnenweise Gold und Silber. Neue Lebensmittel werden ins hungernde Europa eingeführt: Kartoffeln, Tomaten, Mais und Tabak werden fortan auch in Europa angebaut.  

Bald werden aus den Entdeckungsreisen Eroberungsfeldzüge. In der neuen Welt, da, wo die kostbaren Bodenschätze lagern, entstehen die ersten Kolonien. Neue Kulturen werden bekannt, Menschen und Rassen beginnen, sich zu vermischen. Im Auftrag der Krone und der Kirche missionieren die Seefahrer die süd- und mittelamerikanischen Indios, teilweise unter grausamen Bedingungen. Durch Versklavung und Zwangsarbeiten sterben tausende Menschen, nicht zuletzt durch eingeschleppte Krankheiten der Europäer.

 

Der Beginn der Glaubensspaltung

 

Im heiligen römischen Reich deutscher Nation zeichnet sich parallel dazu eine ganz andere Veränderung ab, die für die Zukunft des Reiches weitreichende Folgen haben soll: 1517 schlägt der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Er prangert die Prunksucht (auch finanziert mit dem Gold aus der neuen Welt) und den Mißbrauch des Glaubens durch Kirche und Obrigkeit an. Die Menschen würden durch den Ablasshandel ausgebeutet und mit dem Geld werden nur die Beutel und Truhen der Reichen gefüllt! Keine einzige Seele würde dadurch den Weg in den Himmel finden! Die Strafen, die die Kirche gegen ihre Sünder erlässt, wären zu drastisch, das bestehende Zölibat bei Priestern widerspräche der menschlichen Natur! - Dies sind nur einige der Missstände, die der Mönch anspricht.

Der Habsburger und regierende Kaiser Karl V. beordert ihn vor den Reichstag in Worms, auf dass er seine Thesen widerrufe. Aber Luther hält an seinen Thesen fest. Im Gegenteil, er begehrt auf, man solle ihm beweisen, dass er falsch liege! - Karl V., streng gläubiger Katholik, entlässt ihn aus dem Reichstag mit der Aufforderung, er möge nie wieder unter seine Augen treten. Er habe sein Geleit, denn er erkennt, dass Luther schon viele Anhänger um sich geschart hat, nicht zuletzt viele mächtige Kurfürsten.

Später bereut er diesen Schritt zutiefst. Zwar wird Luther im Nachhinein für vogelfrei erklärt, aber Dank der Erfindung des Buchdrucks verbreiten sich seine Schriften rasch und finden mehr und mehr Anhänger. Im Exil, auf der Wartburg, übersetzt er die Bibel dann sogar ins Deutsche.

Die Spaltung der römisch-katholischen Weltenkirche in zwei Glaubensrichtungen nimmt damit unaufhaltbar ihren Lauf: Sie teilt sich fortan in die Anhänger des katholischen und des protestantischen Glaubens. - Karl V. betet und hofft auf die Wiederherstellung der alten Ordnung. Vergeblich.

Aber dies ist nicht alles, womit sich Karl V. auseinandersetzen muss. Gegen seinen Erzfeind, Franz I., König von Frankreich und sehr begierig auf den Thron, führt er insgesamt vier Kriege, die er auch gewinnt. Von Osten her setzen ihm die Osmanen zu, die er zurückdrängen muss. - Das heilige römische Reich hat durch Erbfolge und Eroberungskriege ein riesiges Ausmaß angenommen, dass es zu verteidigen gilt. - 1525 erheben sich die ausgebeuteten Bauern gegen die Obrigkeit - und werden blutig niedergeschlagen. - Hexen und Ketzer werden schlimmer verfolgt als im Mittelalter, die Feuer brennen allerorten.

Fortschritt und Rückschritt

 

Auf der anderen Seite schafft der Humanismus ein neues Weltbild. Humanisten, Erfinder, Maler und Künstler bereichern das Europa des 16. Jahrhunderts mit ihrem fortschrittlichen Denken und künstlerischem Schaffen. Der Humanismus lehrt den Menschen, dass er sich fortan als Individuum wahrnehmen und sich selbst in den Mittelpunkt stellen darf. Zunehmend besinnt der einzelne Mensch sich darauf, dass er Wert und Würde besitzt. Noch im Mittelalter war diese Art der Betrachtung einfach nur ketzerisch. Eine Würde des Menschen gab es in diesem Sinne nicht. Ein Mensch war nichts wert, er war Teil einer breiten Masse. Die Kirche als Dreh- und Angelpunkt der Welt wachte mit seinem strafenden Gott über die Sünden der Menschen.

Das Zeitalter der Entdeckungen, Erfindungen und des Fortschritts prallt auf sein tief verwurzeltes abergläubisches und rückschrittliches Denken. Und dennoch, der gesellschaftliche und politische Umbruch ist nicht mehr aufzuhalten. Europa, einst der Mittelpunkt der Welt, weicht einer neuen Weltsicht.

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