Lecker essen und lesen

February 7, 2015

 

Öffentliche Lesung aus "Louises Wege" bei "GeschmacksSache" in der emK Johanneskirche Hannover

 

Frank hatte mir bereits im November 2014 angeboten, bei "GeschmacksSache" zu lesen, und zwar laut. Wie der Name schon sagt, geht es ums Essen. Und auch das, was so Schönes vorgelesen wird, ist natürlich reine Geschmackssache. Wie passend. 

Aber eine öffentliche Lesung! Du meine Güte! Ich soll vor Publikum laut lesen? Ausgerechnet ich? Wenn das man gut geht ...

Und so habe ich geprobt all die Wochen vorher, um ja nicht über herumstehende Wörter zu stolpern, deutlich zu sprechen, mit Betonung zu lesen, was sage ich, um zu agieren! Vor dem Micro, dem Spiegel, dem Herd, den Zimmerpflanzen.

Eine Woche vor dem großen Tag trage ich den Text einem richtigen Publikum vor: meinem Mann, der zusammen mit einer Horde Stofftierchen auf meinen Auftritt wartet. Alle mit erwartungsfrohen Blicken. Zwanzig Minuten habe ich Lesezeit. Ich leite die Geschichte ein, lese ein Kapitel aus dem Buch, leite über zum nächsten, lese vor und ende mit dem Schlusswort. Geschafft! Begeisterung heischend blicke ich in die Runde.

„Ganz gut“, nickt Andy und macht eine Kunstpause. Die Stofftiere schweigen ebenfalls.

„Der Anfang ist irgendwie ... schlecht gewählt. Jemand, der dich nicht kennt, weiß nicht, von was du sprichst.“

„Herr oder Frau Jemand könnte einfach zuhören“, schlage ich vor.

„Das meine ich nicht. Überleg dir besser, ob du nicht ein anderes Kapitel vorlesen möchtest, eins mit mehr Biss!“

Na, danke. Eine Woche vorher schmeiße ich also meine eingeübten Kapitelchen übern Haufen und suche mir ein neues aus. Aber ich möchte ja kritikfähig sein. Also gut.

Es dauert tatsächlich einen ganzen langen Tag, bis ich ein neues Kapitel gefunden habe, welches den von meinem Gatten bemängelten „Biss“ hat.

Ich übe, nun auch mit neuen Zwischentexten, denn die alten passen jetzt nicht mehr.

„Da kannst du doch einfach improvisieren, das wirkt lockerer“, meint mein Mann sehr hilfreich.

Danke, wenn ich dich nicht hätte. Ich übe also: locker wirken.

 

Der Vortag der Lesung ist unweigerlich herangerückt, ich packe Bücher und Visitenkarten in den Rucksack, lege mir Hose und Bluse für den großen Auftritt zurecht. Ich schlafe sogar einigermaßen gut.

Am Tag der Lesung entwickle ich ein sehr probates Mittel gegen Aufregung. Ich putze, und zwar alles.

Am Abend der Lesung verbessere ich mein eigenes Rezept gegen besagte Aufregung, indem ich das gestern ausgesuchte Outfit verwerfe, insgesamt gefühlte zwanzigmal. Der Stapel vor dem Kleiderschrank wächst. 

Als Andy zum Aufbruch drängt, bin ich gezwungen, etwas zu finden und nehme schnell das Ensemble, was ich mir am Vortag zurechtgelegt hatte. Gut, wenn man so planmäßig vorgeht. Nur noch ein wenig Rouge auf die blassen Wangen und schon geht's los! Besser kann man Aufregung einfach nicht überstehen.

 

18:00 Uhr Mic-Probe. Na, Klasse, ich höre mich nicht. Da ich eh nicht besonders laut spreche, fürchte ich, dass überhaupt keiner zuhört. Ich könnte die Leute höflich bitten, für ca. 20 Minuten Essen, Gespräche und Atmen einzustellen. Könnte das Ärger geben?

Zum Glück ruft Frank von hinten: „Super, ich kann dich hööören!“

Schön. Jetzt ist Manfred Gerike mit der Mic-Probe dran. Der Harzer Autor wird den zweiten Block der Lesung mit seinen Gedichten und „Harzer Lausbubengeschichten“ übernehmen. Seines Zeichens Lehrer von Beruf, hat er schon von Natur aus ein durchsetzungsfähiges Organ.

Ein paar Minuten später treffen wir uns am Büchertisch. Hier hat Manfred schon all seine Bücher aufgebaut, ein Preisschild liegt davor und jede Menge Leseproben.

Lektion eins: Ich benötige einen Tisch, Preisschild und Leseproben. – Den Tisch bekomme ich bei einem Helfer, Stift und Zettel zum Kreieren meines Preisschildes ebenfalls. Leseproben – hab ich nicht.

Dann geht die Veranstaltung los, erst mal mit dem Essen. Für die rund 60 Gäste gibt es einen Vorspeisenteller mit selbst gebackenem Brot. Leider gehöre ich zu denen, die bei Aufregung überhaupt keinen Hunger verspüren. Also im Grunde genommen ein super Rezept für eine erfolgreiche Diät. Leider (muss ich wieder sagen) bin ich nicht den größten Teil meines Lebens aufgeregt.

Dann ist es soweit, Michael als Moderator kündigt meinen Auftritt an. Tada! - Nein, er macht es professionell und locker. Das war das Stichwort, ich schüttele mich, schnappe mir „Louises Wege“ und setze mich ans Micro. Von hier an muss es gehen, so oder so und so auch.

Ich rede drauflos, begrüße die Gäste, stelle mich und mein Buch vor und beginne zu lesen. – Das Gute ist, wenn die ersten Worte erst mal fusselfrei den Mund verlassen haben, geht es immer leichter. Ich lese einfach. Kein Verhaspeln, kein Stottern, noch nicht einmal dieses nervige Räuspern. (hmm mmm, gibbet hier kein Wasser?)

Nebenbei fällt mir auf, wie gut sich die Kapitel zusammenfügen. Mann gut, dass ich doch noch ein anderes ausgesucht hatte. Manchmal hilft es ja doch, auf seine bessere Hälfte zu hören.

Nach den zwanzig Minuten Lesezeit freuen sich Publikum und ich. Alles gut überstanden, ich verschwinde in der Masse bzw. am Tisch. Hier strahlen sie alle, was will man mehr?

Jetzt gibt’s einen großen Topf Minestrone und noch einmal das selbst gebackene Brot und jetzt, ja jetzt, schlage ich zu.

Im zweiten Block liest Manfred lustig und locker (um bei dem Wort zu bleiben) seine Gedichte vor, die beim Publikum für Heiterkeitsausbrüche sorgen.

Dann wird noch ein leckerer Nachtisch aufgefahren und es ist Zeit, ein bisschen zu entspannen, mit den Gästen zu reden oder einfach sich das Innere der Johanniskirche genauer anzusehen.

Lektion zwei: Entferne dich nie zu weit von deinem Büchertisch, wenn interessierte Leser auftauchen. – Während ich nun mit einigen Gästen plaudere, schleichen fremde Leute um meinen Büchertisch. Andy gibt mir zu verstehen, dass ich mich schnellstens dorthin begeben sollte.

Das ist eine gute Idee, wie sich herausstellt, denn ich darf Bücher signieren und meinen LeserInnen mitgeben.

Auch Manfred am Nebentisch „arbeitet“. Am Schluss ist sein Stapel auf die Hälfte geschrumpft. Ich hatte nicht so viele Bücher dabei, aber diese sind fast alle weg. Das hat sich gelohnt!

Manfred möchte mich auf einen Kunsthandwerkermarkt mitnehmen, wo er seine Bücher direkt an den Mann bringt (dazu mehr am 22.02.2015). Ich revanchiere mich, indem ich ihm erkläre, wie man Bücher online verkauft.

Am späten Abend bin ich freudig-fertig. Ich glaube, das ist eine gute Beschreibung meines Zustandes. Meinetwegen auch trunken vom freudig-fertigen Zustand.

Ein abschließendes Fazit für alle, die vor Aufregung auch am liebsten schweigen: Keine Angst vor neuen Sachen, man kann nur lernen und über sich selbst hinauswachsen. Vorheriges Üben mindert den Zustand der Aufregung ungemein. Mehr kann man vorher doch gar nicht planen, oder? Alles andere wird sich finden.

 

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